„Kreuzzug gegen die Langeweile“
Schneller warten

In westlichen Gesellschaften herrscht das "Zeit ist Geld"-Gefühl vor. Die Menschen sind nicht mehr bereit zu warten. Alles muss zack-zack passieren. Den Zeitgeist haben findige Unternehmen erkannt und schaffen neue Angebote für die rastlose Kundschaft. Doch auch das ungeliebte Warten kann geschäftsfördernd genutzt werden.

DÜSSELDORF. Das Warten auf das Christkind ist wohl die früheste Form des Wartens - und nicht nur für Kinder wohl auch eine der schönsten. Den Adventskalender Türchen für Türchen zu öffnen, am Adventskranz Sonntag für Sonntag eine neue Kerze anzuzünden sind Traditionen, die das Warten im Sinne von etwas erwarten zelebrieren. Diese stillen Rituale gibt es immer weniger.

"Warten wird zunehmend als lästig, als vertane Zeit wahrgenommen", sagt Karlheinz Geißler, Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München. Diese Beobachtung bestätigt auch Stephan Grünewald, Psychologe am Rheingold Institut für qualitative Marktforschung: "Zeitpolster werden gefürchtet. Es wird sogar versucht, sie zu vermeiden." So werde etwa auf den letzten Drücker gestartet, um ja nicht zu früh bei einem Termin zu erscheinen.

Die Wahrnehmung des Wartens als negative Zeitform nutzt die Wirtschaft und erhöht ihre Präsenz in Wartezonen. Zur Einführung des Blackberries warb T-Mobile etwa an Bahnhöfen und Flughäfen mit dem Slogan "Wartezeitkiller". Beim Tanken sorgen Werbeplakate an der Zapfsäule für Kurzweil, in der Telefonschleife bei den Stadtwerken dudelt nicht mehr nur Musik, sondern werden die Kunden befragt, und selbst das "stille Örtchen" ist nicht mehr still. So genannte Pinkelplakate informieren. "Die Wirtschaft führt einen Kreuzzug gegen die Langeweile", sagt Grünewald von Rheingold.

Werbeagenturen wie Webguerillas aus München haben sich darauf spezialisiert, Wartezeiten zu bespielen. "In dieser Zeit sind Menschen viel offener, haben Zeit und lassen sich von daher auf Werbung, die Spaß macht, ein", sagt Geschäftsführer David Eicher. Für die Jeansmarke Lee etwa engagierte die Agentur Breakdance-Truppen, die an Bushaltestellen und auf Kinovorplätzen für Wirbel sorgten.

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