Kriegstraumata
Auf die Couch, marsch, marsch!

Krieg macht krank. Ob als Bundeswehrsoldat in Afghanistan oder als Weltkriegsveteran im Altersheim: Viele Menschen, die Krieg erlebt haben, leiden unter ihren Erlebnissen, behaupten Therapeuten und bieten ihre Hilfe an. Kritiker sehen darin ein Geschäft, das die Kranken erst produziert.
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DÜSSELDORF. Kriegsheimkehrer wurden in früheren Zeiten meist als stolze Helden gefeiert. Der Zustand ihrer Seelen interessierte niemanden. Im wieder kriegführenden Deutschland der Gegenwart ist das anders: Statt Paraden und Siegesfeiern erwartet einen Großteil der Soldaten die Couch beim Psychotherapeuten.

Unter den rund 250 000 Soldaten der Bundeswehr gibt es wahrscheinlich keinen mehr, der nicht davon gehört hat: posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Fernsehen und Zeitungen berichten immer wieder über Soldaten, die als Psychowracks aus Afghanistan zurückkehren. Die Bundeswehr verschweigt das nicht, im Gegenteil: Im Internet informiert sie über Hilfsangebote und nennt Zahlen: Insgesamt wurden 447 Soldaten wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung therapiert, davon 245 allein 2008.

Zur Einordnung: In Afghanistan sind wenig mehr als 3 000 Soldaten stationiert, ein großer Teil davon verlässt fast nie das Lager. 81 deutsche Soldaten starben bisher bei Auslandseinsätzen, die meisten nicht durch Kampfhandlungen (19 Tote), sondern durch Unfälle und natürliche Ursachen. 109 Soldaten wurden verwundet.

Stellt man diese Zahlen in ein Verhältnis zum Zweiten Weltkrieg, als allein Deutschland rund 18 Millionen Soldaten aufbot, von denen mehr als 3,5 Millionen starben, und die Gewalttaten unvergleichlich häufiger und intensiver waren, dann müsste man folgern, dass Millionen Menschen in den vom Krieg betroffenen Ländern traumatisiert wurden. Und das tun viele Psychologen auch.

Die Nachkriegsgesellschaften hätten zum großen Teil aus Traumatisierten bestanden, sagt die Traumatherapeutin Astrid von Friesen. Um weiterleben zu können, hätten die meisten Menschen das Erlittene verdrängt. „Das ist ein Schutzmechanismus, der überhaupt erst die Aufbauleistung nach dem Krieg ermöglichte“, sagt sie. Die Kriegsheimkehrer, Ausgebombten oder Vertriebenen fragte niemand nach ihrem Leid. Traumatherapeuten gab es nicht.

Eine ganze Reihe aktueller psychologischer Studien hat einen hohen Anteil von posttraumatisch Belasteten unter der älteren Generation ausgemacht. 18,3 Prozent der von ihr befragten Menschen, die den Krieg als Kind erlebten, litten heute noch darunter, schreibt Andrea Bauer in ihrer Dissertation. Gerade im Alter, mehr als 60 Jahre nach dem Krieg, durchlitten viele – „angetriggert“ durch das Empfinden der Todesnähe – erneut ihre traumatischen Kriegserlebnisse, berichtet Friesen. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer führt in seinem Buch „Er hat nie darüber geredet“ sogar viele Beziehungsprobleme und Depressionen heutiger Erwachsener auf das Kriegstrauma ihrer Eltern zurück. Die Schlussfolgerungen dieser Psychologen: Unter uns leben Hunderttausende, wenn nicht Millionen Traumatisierte, und ihnen muss man helfen. Auf die Therapeuten warten also jede Menge Patienten, nicht nur in Kasernen, sondern auch in Altersheimen und Privathaushalten.

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