Kulturfieber scheint ausgebrochen: Schlangestehen als sozialer Akt

Kulturfieber scheint ausgebrochen
Schlangestehen als sozialer Akt

Warum der Run auf große Ausstellungen? Forscher meinen, Kunstfreunde suchen nach Authentizität.

HB MÜNCHEN. Wer wartet schon gern, vor allem an der Museumskasse? Doch seit circa zwei, drei Jahren scheint das Schlangestehen plötzlich im Trend zu liegen. Heute schon legendär sind die endlosen Reihen, die sich 2004 bis in die Nacht hinein vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin anakondaartig schlängelten. Der Grund war die so genannte MoMa-Ausstellung, die 1,2 Millionen Besucher in ihren Bann zog.

München machte Anfang 2006 ebenfalls Schlagzeilen: 300 000 Interessierte waren zu Franz Marc ins Lenbachhaus und in den benachbarten Kunstbau gekommen. In den letzten zwei Wochen vor Schluss harrten Fans bereitwillig bis zu drei Stunden aus, um die berühmten Pferde und Tiger zu sehen. Auch die bisweilen recht stickige Luft in den Sälen störte sie nicht.

Aber nicht nur in Deutschland scheint das Kulturfieber ausgebrochen zu sein, das Freizeitforscher Horst Opaschowski schon 1992 erahnte: "Die Menschen werden in Zukunft vor Konzertkassen, Museen und Kunstausstellungen Schlange stehen wie die Nachkriegsgeneration vor Lebensmittelläden." Auch in anderen europäischen Ländern steht man um der Kunst willen stundenlang dicht gedrängt: In London lockte Frida Kahlo in fünf Monaten knapp 370 000 Fans in die Tate Modern. Selbst bitterste Kälte konnte 300 000 Unentwegte in Paris nicht davon abhalten, vor dem Musée du Grand Palais auf Einlass zu warten: Sie wollten sehen, wie sich die Großen der Kunstgeschichte, zum Beispiel Albrecht Dürer, mit dem Thema Melancholie auseinander gesetzt hatten. Und im Zürcher Kunsthaus erwies sich von Oktober 2004 bis März 2005 das Thema Monets Garten als Renner, den 224 000 Besucher sehen wollten.

Erleben wir derzeit eine Art Ausstellungshype, für den vor allem schlagzeilenträchtige Großevents typisch sind? "Die MoMa-Ausstellung und auch Franz Marc sind Extreme, die sich nicht perpetuieren lassen", meint Götz Adriani, Chef der Kunsthalle Tübingen, der bereits 1993 rund 430 000 Besucher mit Cézanne in das Universitätsstädtchen lockte.

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