Lärmschutz
Aufblasbare Schutzwände lösen Lärmprobleme

Rund 80 Prozent der Deutschen leiden unter Lärmbelästigung, so eine Studie des Bundesumweltamts. Zwar stehen an ständigen Lärmquellen wie Bahngleisen und Autobahnen Schutzwände – aber dem Lärm von Baustellen und Fußballplätzen oder aus dem Nachbargarten sind die Bürger ungeschützt ausgesetzt. Das könnte sich jetzt ändern.

KÖLN. Shew-Ram Mehra, Professor für Bauphysik an der Universität Stuttgart, arbeitet seit sechs Jahren gemeinsam mit dem Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Bauphysik an den leichten, aber dennoch schalldämpfenden Wänden. „Unsere Membranwände erreichen die gleiche Abschirmleistung wie die massiven Lärmschutzwände und sind dabei ungefähr hundertmal leichter“, sagt Mehra.

Die Wände sind nach dem Prinzip Luftmatratze aufgebaut. Ihre länglichen Luftkammern bestehen jedoch nicht aus Gummi, sondern aus Folienmembranen. Das erhöht die schalldämpfende Wirkung. Ein Teil des auftreffenden Schalls wird von der Membranhülle reflektiert, in den Kammern wird weitere Schallenergie absorbiert. Die Wände verringern den Lärm um mehr als 20 Dezibel. So können sie zum Beispiel eine Dauerbeschallung aus dem Freibad von etwa 70 Dezibel, die für Anwohner gesundheitsgefährdend sein kann, auf erträglichere 50 Dezibel reduzieren.

Die Schallbremsen können mit einem Kompressor schnell aufgepumpt und so überall aufgestellt werden, wo es kurzzeitig laut wird: im Garten, an Baustellen, bei Konzerten und Volksfesten. Bei Großveranstaltungen könnten die Wände vor Häusern wie eine Schallschutz-Fassade aufgestellt werden. Die Membrankonstruktionen müssen lediglich an Bauzäunen festgebunden oder in Metallfüße gestellt werden, damit sie der Wind nicht umwirft.

Den aufblasbaren Schallschutz soll es aber nicht nur in Form von Wänden geben. „Es ist denkbar, dass ganze Baustellen oder besonders laute Geräte wie von einem Iglu überbaut werden“, sagt Shew-Ram Mehra. „Außerdem wäre es möglich, die Schallschutzsysteme aus transparenter Folie herzustellen.“ So könnte aus dem Lärmschutzwall ein Designelement werden.

Die Wände werden derzeit an zwei Baustellen getestet. Der Markteinführung stehe kaum noch etwas im Weg, so Mehra. Er rechnet damit, dass mehrere hundert Kilometer Lärmschutzwand pro Jahr an Firmen- und Privatkunden abgesetzt werden könnten. Rainer Auberg, Bauphysiker und Lärmschutzexperte von der Universität Essen, weist jedoch darauf hin, dass die potenziellen Kunden auch einen klaren Nutzen von der Investition in die Wände haben müssten. Entwickler Mehra ist da zuversichtlich: Die Produktionskosten seien mit weniger als 150 Euro pro Quadratmeter um ein Vielfaches billiger als bei massiven Wänden.

Erste Interessenten gibt es bereits: Jürgen Schock vom Friedrichshafener Umweltamt könnte sich vorstellen, dass die Wände bei Open-Air-Veranstaltungen, bei denen es traditionell Lärmbeschwerden gebe, in 15 bis 20 Meter Entfernung zu Wohnhäusern aufgestellt werden: „Diese Veranstaltungen haben eindeutig zugenommen, wir würden den Veranstaltern empfehlen, sich zusammenzuschließen und die Wände anzuschaffen. Auch ein Verleihsystem wäre denkbar“.

Verhandlungen mit einem potenziellen Hersteller stehen laut Mehra unmittelbar vor dem Abschluss. Er rechnet damit, dass die Wände in diesem Herbst auf den Markt kommen.

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