Lasertechnik
Derwisch auf Metall

Ob Umwelttechnik, Medizin oder Mode: Einst fast nur zum Schneiden und Schweißen eingesetzt, etabliert sich der Laser zunehmend als neues Produktionsmittel. Bei dessen Einsatz zeigen sich die Deutschen besonders einfallsreich.
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Die Damenhandtasche sieht aus, als sei sie aus einem mittelalterlichen Kettenhemd geschneidert. Abertausende kleine, ineinandergreifende Plastikringe bilden die Außenhaut. Selbst bei genauem Hinsehen sind keinerlei Nahtstellen zu erkennen, was nicht das Resultat einer besonders sorgfältigen Nachbehandlung ist. Kein Mensch hat die Tasche bei der Herstellung berührt. Ein Laser hat sie vielmehr aus feinem Kunststoffpulver herausgearbeitet, Ring um Ring, Zehntelmillimeter um Zehntelmillimeter. Dort, wo Material stehen bleiben sollte, erhitzte der Laserstrahl eine dünne Schicht Pulver, sodass es im Bruchteil einer Sekunde schmolz und sich beim Erkalten wieder verfestigte. Das wiederholte sich ein paar 100-mal, bis die Tasche fertig war. Fachleute nennen diesen Prozess Sintern.

Entworfen hat die 400 Euro teure Edeltasche der finnische Designer Janne Hyttanen, der in Amsterdam für das Designbüro Freedom of Creation arbeitet. Extravagante Lampen und Obstkörbe gehören ebenfalls zur Kollektion der Holländer, die weltweit die Ersten sind, die Lasertechnik zur Herstellung von Designerprodukten nutzen. Die Konstruktionsanleitung liefern sie in Form von 3-D-Datensätzen nach Biedenkopf bei Marburg. Die dortige FKM Sintertechnik fertigt die komplexen Teile dann mit einer Lasersinteranlage des bayrischen Herstellers Eos.

Lasersintern gehört zu den jüngsten Einsatzgebieten des Lasers. Einst fast nur zum Schneiden und Schweißen eingesetzt, veredelt er heute Oberflächen, fräst mikrofeine Strukturen in die Außenhaut von künstlichen Hüftgelenken, damit diese fester einwachsen und erobert ständig neue Anwendungen in der Medizin. Als Produktionsmittel für komplex geformte Bauteile, die in geringen Stückzahlen benötigt werden, wird der Laser erst seit Kurzem in nennenswertem Umfang genutzt. „Damit lassen sich sogar Einzelstücke wirtschaftlich herstellen", sagt Hans J. Langer, Gründer und Geschäftsführer von Eos. Ein Schaltknauf im Golfballdesign für das Konzeptauto GX3 von Volkswagen etwa, der auch als Kunstwerk durchgehen würde.

Anders als Handtasche und Lampe ist der Knauf nicht aus Kunststoff, sondern aus Edelstahl. Ansonsten aber ist die Produktionstechnik die gleiche. Für Bauteile aus Metall wird lediglich ein Laser mit höherer Energieleistung benötigt, um das feinkörnige Pulver kurzzeitig zu verflüssigen. Gute Dienste leistet hier der Faserlaser, der den energiereichen Strahl in einem aufgerollten Lichtwellenleiter erzeugt.

Entwickelt wurde der Faserlaser wie viele andere optische Techniken in Deutschland. Auf der Weltleitmesse „Laser. World of Photonics", die am 18. Juni in München beginnt, zeigen fast 1000 Aussteller Lösungen für mehr als ein Dutzend Branchen, vom Maschinenbau über Optik, Elektronik, Fahrzeugbau und Medizintechnik bis hin zur Luft- und Raumfahrt. Im Fokus haben die Aussteller neuerdings auch kleine und mittlere Unternehmen, für die hoch spezialisierte Laseranlagen nicht wirtschaftlich waren. Neu sind Systeme, die blitzschnell zwischen Schneiden, Schweißen und Härten wechseln.

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