Lichtverschmutzung
Forscher untersuchen „Verlust der Nacht“

Lange waren es vor allem die Astronomen, die sich über die zunehmende Nachtbeleuchtung in den Industrienationen beklagten, weil sie ihnen den Blick auf den Sternenhimmel erschwerte. Doch inzwischen melden sich auch Mediziner, Ökologen und Wissenschaftler anderer Fachrichtungen zu Wort: Der „Lichtschmutz“ belastet zunehmend unsere Ökosysteme – und steht im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen.
  • 0

BERLIN. Der Aha-Effekt kommt meist im Urlaub: Wer nachts am Strand liegt und in den Himmel blickt, wer nach dem Sonnenuntergang vor der Berghütte verweilt, merkt mit einem Mal, wie viele Sterne das Firmament schmücken. „Komisch“, denkt sich der Großstädter, „zu Hause habe ich das nie wahrgenommen“. Kein Wunder: Es ist zu hell in den Städten der industrialisierten Welt. „Lichtverschmutzung“ nennen Wissenschaftler das Phänomen, das von Menschen zunehmend als störend empfunden wird. Erforscht ist es bislang kaum, Richtlinien wie etwa beim Lärm fehlen weitgehend.

„Das Problem wird erst seit wenigen Jahren wahrgenommen, dabei beeinträchtigt es den Menschen und das gesamte ökologische System“, sagt der Wissenschaftler Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Er ist mit seinem Institut federführend an einem interdisziplinären Projekt beteiligt, das in den nächsten fünf Jahren die Gründe und Folgen der Dauer-Beleuchtung in Städten untersuchen will.

Die Kooperation trägt den Titel „Verlust der Nacht“, beteiligt sind Astrophysiker, Arbeitsforscher, Mediziner, Stadtplaner, Ökologen und Lichttechniker; Ziel ist die Entwicklung neuartiger Beleuchtungskonzepte und nachhaltiger Techniken.

„Die Astronomen waren die ersten, die heutiges Licht als störend empfunden haben“, sagt Hölker. So seien Berliner Astronomen 1913 in die Sternwarte nach Potsdam umgezogen, weil es ihnen die nächtliche Helligkeit unmöglich machte, die Gestirne zu beobachten und zu erforschen. Inzwischen sei den Sternguckern auch in Potsdam der Himmel nicht mehr dunkel genug. Entdecker wie Galileo Galilei hätten heute wohl keine Chance mehr, Jupitermonde und die Millionen Sterne der Milchstraße ausfindig zu machen - es sei denn, sie würden auf eine ganz einsame Insel fahren.

„Das hat auch Auswirkungen auf die Gesellschaft“, sagt Hölker. Etwa 44 Prozent der unter 30-Jährigen hätten die Milchstraße noch nie gesehen. Dabei sei diese Erfahrung essenziell für unser menschliches Selbstverständnis, Teil eines großen Ganzen zu sein „Das erschwert die eigene Verortung im Universum, sich selbst als kleines ,Licht' zu erfahren“, ist der Wissenschaftler überzeugt und spricht von einem kulturellen Verlust.

Straßenlampen, Leuchtreklame, die Bestrahlung von Gebäuden - all das verwischt die Grenzen zwischen Tag und Nacht und macht unsere Kultur zu einer 24-Stunden-Gesellschaft. „Früher waren das ja fürchterliche Funzeln, die Straßenlaternen“, sagt die Medizinerin Barbara Griefahn vom Institut für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund. Heute sind Unternehmen der Meinung, ihre Firmengebäude nachts anstrahlen zu müssen, Lampen leuchten ganze Straßenzüge aus, auch die Auto-Scheinwerfer sind heller.

Seite 1:

Forscher untersuchen „Verlust der Nacht“

Seite 2:

Kommentare zu " Lichtverschmutzung: Forscher untersuchen „Verlust der Nacht“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%