Liebe das Vaterland!
Patriotismus im Jahr 2006

Comeback eines Wertes: Eine republikanische Selbstverständlichkeit steht nicht mehr unter Generalverdacht. Patriotismus wird trendy und kommt besonders von links. Auch Deutschland sollte sich einem Verantwortungspatriotismus für die Zukunft stellen.

BONN. "Achte jedes Menschen Vaterland, aber das deinige liebe!" Dieses Wort Gottfried Kellers rettet Zeitgeistler aus Verlegenheit, da es von einem Ausländer, einem Schweizer, stammt. Ansonsten gibt man sich in Deutschland beim Thema Patriotismus amüsiert. Doch das Putzige wirkt irgendwie ranzig. Patriotismus wird trendy und kommt besonders von links. Sigmar Gabriel fordert einen "sozialen Patriotismus", Matthias Platzeck die Rückkehr zu "preußischen Tugenden". Aber auch Angela Merkel mahnt per Anzeigenkampagne Gemeinsinn an, und Peer Steinbrück skandiert: "Es wäre fatal, den Sozialstaat auf die Finanzen zu reduzieren."

Wird Patriotismus zur neuen sozialen Bewegung? Angesagt ist jedenfalls eine Neuverpflichtung des Staates und der Bürger auf ein Allgemeinwohl, das den sozialen Verfall der Freiheitswürde stoppt. Andernfalls desertiert das Gemüt weiter aus einem Rechtsstaat, in dem die Verfassung die Stelle von Staat und Nation besetzen soll, die, "als Folge des Hitlertraumas, verdrängt werden" (Josef Isensee). Das Volk ist aber Grund der Verfassung, und der "Verfassungspatriotismus" (Dolf Sternberger) als alleinige Bindekraft schwächelt. Denn der Kampfgeist eines Fußballers leitet sich schwerlich aus seiner Begeisterung für die Spielregeln ab.

Alle Rationalität des Verfassungssystems ersetzt nicht den Machtinstinkt, diesen letzten Zauber selbstbestimmter Staatsräson. "Niemals wird man sehen", so erinnert uns Clausewitz, "dass ein Staat, der in der Sache eines anderen auftritt, diese so ernsthaft nimmt wie seine eigene". Selbst die neue EU-Verfassung verbürgt noch im Artikel 59 das Recht zum Austritt aus der Union. Der Nationalstaat bleibt klassischer Akteur. Der französische Präsident Jacques Chirac versprach nach dem gescheiterten Referendum vom 29. Mai 2005 einen stärkeren patriotischen Kurs.

Auch Deutschland sollte sich einem Verantwortungspatriotismus für die Zukunft stellen, der ganz anders ist als drapierter Nationalismus. "Im alten Frankreich", so J. L. Talmon, "hatten die Kommunen ein Synonym für patrie - amitié, Brennpunkt aller Bindungen." Zu amitié (Freundschaft) lässt sich lautgeschichtlich althochdeutsch heimoti (Heimat) stellen. Damit sind wir eingeloggt ins Lebensgefühl der französischen Patrioten, die 1792/93 Frankreich als Hort der modernen Menschenrechte gegen die deutschen Armeen der Restauration in einer Volkserhebung (levée en masse) erfolgreich verteidigten.

Für Einheit, Bürgerfreiheit und Verfassungskultur stritt ebenfalls eine junge deutsche Elite in den vaterländischen Befreiungskriegen gegen Napoleon. Patriotismus verkörperten auch die Männer und Frauen des "20. Juli" im Kampf für Freiheit und die Autorität des Rechts.

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