Literatur
Wenn Provokateure sich verheben

Daniel Goldhagen liebt die publikumswirksame Provokation - und sein neues Buch zum Thema Völkermord ist voll davon. Ärgerlich ist daran vor allem, dass solche Inhalte heute mehr Aufmerksamkeit und Auflage sichern, als echte aufklärerische Arbeiten - wie beispielsweise die umfassende Genozid-Studie “Erde und Blut" des Yale-Professors Ben Kiernan.
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BERLIN. „Harry Truman, der dreiunddreißigste Präsident der Vereinigten Staaten, war ein Massenmörder. Zwei Mal befahl er, Atombomben auf Städte abzuwerfen.“ Wenn ein Buch mit diesen Sätzen anfängt, ahnt der Leser bereits, was ihn auf 685 Seiten erwartet. Vor allem, wenn der Autor Daniel Goldhagen heißt. Denn der amerikanische Historiker liebt die publikumswirksame Provokation. Das hat er bereits Mitte der neunziger Jahre mit seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ bewiesen.

Und Goldhagen ist sich treu geblieben, im Guten wie im Schlechten. Statt um den Holocaust im Speziellen geht es dem Politologen nun um den Völkermord im Allgemeinen. Hat ihn früher interessiert, wieso viele „einfache“ Deutsche und eben nicht nur stramme Nationalsozialisten sich an der Verfolgung und dem Mord an Juden beteiligten, sucht er nun nach Mustern für alle Formen der Vernichtung bestimmter Bevölkerungsgruppen.

Seine zentrale These ist dabei, dass der Begriff „Eliminationismus“ den Versuch, eine ethnische, religiöse oder politische Gruppe auszulöschen, wesentlich besser beschreibt als der Völkermord. Denn in Wahrheit existieren nach Goldhagen auch andere Strategien, wie etwa Vertreibung, Massenvergewaltigung und die zwangsweise Umerziehung der Kinder, um das Ziel zu erreichen, die Identität einer bestimmten Gruppe auszuschalten.

Das ist ein ehrgeiziger, interessanter Ansatz. Doch Goldhagen verhebt sich dabei. Auch seine extrem wissenschaftlich klingende Sprache kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier vor allem ein moralischer Aktivist schreibt. Statt die einzelnen von ihm zitierten Völkermorde der Deutschen an Hereros und Juden, der Türken an Armeniern oder die Massentötungen in den kommunistischen Systemen in der Sowjetunion, China und Kambodscha erst einmal sauber aufzuarbeiten und sich zu fragen, was daran überhaupt vergleichbar ist, springt Goldhagen lieber gleich auf die Metaebene.

Um seine These des „Eliminationismus“ zu belegen, zieht er aus jedem Konflikt nur das, was er braucht. Und Goldhagen emotionalisiert dabei bewusst mit der Auswälzung blutiger Details – er zielt oft auf den Bauch, nicht den Kopf.

Dabei sind einzelne Punkte durchaus spannend: Wichtig ist etwa sein Hinweis auf die Beschränktheit der Uno-Völkerrechtskonvention zum Genozid von 1948, mit der sich Stalin das massenhafte Morden im sowjetischen Gulag-System absegnen ließ. Ein Völkermord oder politischer Massenmord wird eben nur dann als solcher erkannt oder bekämpft, wenn die politischen internationalen Rahmenbedingungen „stimmen“. Aus Sicht des Westens war die Tötung mehrerer Hunderttausend Kommunisten in Indonesien kein Thema. Und ob der amerikanische Atombombenabwurf 1945 verwerflich war oder nicht, wurde im Westen tatsächlich nie wirklich diskutiert, weil stets der Sieger die Geschichte schreibt und sich selbst dabei auf die „gute“ Seite stellt. Maos Massenmorde bleiben unaufgeklärt, weil das kommunistische Regime bis heute an der Macht ist – und China mächtiger ist als Ruanda.

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