Macht und Demut
Dienen – die Strategie der Cleveren

Historiker untersuchen einen uralten Kniff: die öffentliche Bekundung der eigenen Demut zum Zwecke der Machterringung, -erhaltung oder-steigerung. Das funktioniert nicht nur in der Politik.

GENF. Angela Merkel überraschte die Nation mit einem schlichten Satz: "Ich will Deutschland dienen", sagte sie, nachdem sie 2005 zur Kanzlerkandidatin der CDU gekürt worden war. Doch ihr Ziel war eigentlich nicht das Dienen, sondern das Herrschen: Sie wollte die mächtigste Frau Deutschlands werden - und wurde es.

Jacques Chirac sorgte für Aufsehen, als er vor kurzem seine Landsleute über seine zukünftigen Pläne aufklärte: "Ich werde versuchen, Frankreich, den Franzosen zu dienen, in einer anderen Weise." Auch er sprach also vom Dienen. Dahinter steckt, darin sind sich Beobachter einig, ein präzises Ziel: Der in wenigen Wochen abtretende Präsident der französischen Republik will weiter Einfluss ausüben.

Merkel und Chirac - beide Staatenlenker variieren einen uralten Kniff in Politik und Wirtschaft: die öffentliche Bekundung der eigenen Demut zum Zweck der Machterringung, -erhaltung oder-steigerung.

Kaum ein anderer hat diese Kunst der bewussten persönlichen Herabsetzung in einprägsamere Worte gekleidet als Friedrich der Große. Das Motto des Preußenkönigs lautete: "Ich bin der erste Diener meines Staates." Kaum ein anderer demonstrierte seine tatsächliche Macht wirkungsvoller mittels einer zur Schau gestellten Machtlosigkeit als der indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi.

Doch wie funktioniert dieser spezielle, scheinbar paradoxe Machtmechanismus? Wieso kann die Erniedrigung eine Voraussetzung zum Erlangen von Herrschaft, von Kontrolle sein? Antworten auf diese Fragen versucht Annette Kehnel zu erforschen, Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Mannheim.

Die Wissenschaftlerin bringt den Mechanismus zunächst auf die Formel: "Macht kombiniert mit Demut gleich noch mehr Macht". Oder "Machtgewinn durch das Propagieren von Machtverzicht." Dann erklärt sie: "Das Prinzip könnte man vereinfacht im Rahmen eines ,Deals? zwischen Herrscher und Beherrschten verstehen: Du kriegst die Macht, musst uns aber im Gegenzug dienen", sagt sie.

Anders formuliert: "Wenn das Volk sieht, dass die Macht bei den Mächtigen Leiden verursacht, ist die Macht leichter zu akzeptieren." Kehnel hat quer durch Epochen und nicht nur in der europäischen Geschichte geforscht. Erklärungsansätze für das eigentümliche "Ich diene - also herrsche ich" fand sie schon in der Jungsteinzeit. Damals sei das Risiko der Selbstzerstörung einer Gruppe mit unkontrollierbarem Machthaber sehr groß gewesen. Heute existiere diese Gefahr weiter und habe sich sogar noch verschärft. Das Prinzip des demütigen Herrschers habe sich demnach in der Evolution als das Erfolgsmodell erwiesen. Kehnel erläutert: "Gruppen, deren Anführer Macht in einer gedrosselten Form ausüben, haben langfristig gesehen einfach die besseren Überlebenschancen."

Zudem: Die Inszenierung von Demut und Leid legitimiert nach den Erkenntnissen der Historikerin die Herrschaft. Protzig zur Schau gestellte Dominanz provoziert das Volk und kann das Ende des Herrschers besiegeln - wie etwa in der Französischen Revolution.

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