Made in Germany
Die Bilderstürmer

Eine Software von zwei Kieler Gründern macht die Fabrikinspektion zum Kinderspiel. Schnappschüsse genügen, um Maschinenparks am Rechner in 3D nachzubauen. Was den Wachmann ins Schwitzen bringt, freut die VW-Ingenieure.
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Der Besuch aus Kiel dürfte dem Werkschutz schlechte Träume bereitet haben. Wie Touristen zogen Jan-Friso Evers-Senne und Felix Woelk mit ihren Digitalkameras durch die Fertigungshallen von Volkswagen in Wolfsburg. Schritt für Schritt lichteten sie die Produktionsstraße ab, an der das VW-Erfolgsmodell Golf montiert wird. Zurück in der Heimat mussten die beiden die Schnappschüsse nur noch auf ihren Rechner übertragen, blitzschnell stand das 3D-Modell der gesamten Anlage.

Was den Wachmann ins Schwitzen bringt, freut die VW-Ingenieure. Denn mit der virtuellen Fertigungslinie konnten sie ohne großen Aufwand prüfen, ob sich hier auch das neue, fünf Zentimeter breitere Golf-Modell unfallfrei montieren lässt. Um zu testen, ob der Wagen irgendwo aneckt, wäre normalerweise ein Plastikprototyp gebaut worden, der auf einem Transportschlitten durch die Werkhalle gleitet. Das geht ins Geld. „Die Produktion muss angehalten werden“, sagt Evers-Senne. „Und wenn beim Ausprobieren etwas beschädigt wird, stehen die Bänder auch mal drei Tage still.“ Einfacher und sicherer ist es, den ohnehin in den für die Konstruktion genutzten CAD-Systemen (Computer Aided Design) vorhandenen neuen Golf im Rechner durch die Kopie der Produktionsstraße schweben zu lassen.

Noch als Studenten haben die Informatiker Evers-Senne und Woelk ihre Software „Miru 3“ entwickelt. Eineinhalb Jahre lang brachten sie Computern bei, wie sie allein anhand zweidimensionaler Bilder komplexe Modelle errechnen, die räumliche Tiefe besitzen. In der Praxis hat sich das Programm rasch bewährt. „Industrieeinsätze haben früh gezeigt, dass unsere Software Potenzial hat“, sagt Evers-Senne. Das machte Mut.

Im Mai 2007 wagten die beiden IT-Cracks den Schritt in die Selbstständigkeit. Vision N tauften Evers-Senne und Woelk die Firma, mit der sie nun die Branche für Bildbearbeitungssoftware aufmischen wollen. „Etwas bewegen, Dinge ins Rollen bringen, zur technischen Entwicklung beitragen“, nennt Woelk seinen Antrieb. Und das, so ist auch Kompagnon Evers-Senne überzeugt, klappt besser mit dem eigenen Betrieb. „Ich will das Uni-Know-how anwenden und nicht wie viele Absolventen einer ganz anderen Tätigkeit nachgehen“, sagt der 34-Jährige. „Man arbeitet nicht hart für den Abschluss und die Promotion, um danach vom Chef gesagt zu bekommen, was man zu tun hat.“ Also übernahmen Evers-Senne und Woelk selbst das Kommando. Trotz bester Angebote.

Es habe auch die Offerte einer Münchener Firma gegeben, bei der er exakt in seinem Spezialgebiet hätte arbeiten können, sagt Evers-Senne. Doch selbst das lehnte er ab. Schon als Student hat er für Top-Konzerne wie BMW, Siemens und BBC Research gearbeitet. „Dabei ist mir dann klar geworden, wie wichtig Unabhängigkeit ist“, sagt er. „Ich will für jede Aufgabe selbst die optimale Lösung finden – nicht die von der Firmenverwaltung vorgegebene.“ Ob IT, Organisation von Reisen, Personal oder Zeitmanagement, Evers-Senne und Woelk nehmen es nun selbst in die Hand.

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