Made in Germany: Jetset mit dem Segelflugzeug S10

Made in Germany
Jetset mit dem Segelflugzeug S10

Die Idee eines Faltpropellers kam Reiner Stemme bei einem Flug über den Wolken. Kaum hatte er wieder festen Boden unter den Füßen, setzte er seine Vision in die Tat um. Heraus kam ein Motorflieger, der sich in der Luft in ein vollwertiges Segelflugzeug verwandelt. Über einen Branchenfremden, der dort erfolgreich ist, wo andere scheiterten.
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Strausberg am Stadtrand von Berlin hat einen Flugplatz, keinen Airport. Von dort starten betagte Doppeldecker zum Rundflug über die Hauptstadt, Kleinflugzeuge zum Charterflug nach Usedom und Schönwetterpiloten ins Wochenende. Diese Flugbewegungen reichen aus für etwas Wirbel, beispielsweise für lokale Schlagzeilen wie „Lärmopfer protestieren lautstark“. Aber die 1,2 Kilometer lange Startbahn hat ihre lautesten Zeiten hinter sich. Als Versorgungsflugplatz des Hauptquartiers der Nationalen Volksarmee hoben hier zu DDR-Zeiten ganz andere Brummer ab als kleine Cessnas.

Reiner Stemme erinnert sich gut an den Militärflugplatz. Wo heute Werbetafeln potenzielle Investoren auf einem „Gewerbepark“ grüßen, erwarteten Stemme 1990 Stacheldraht und überflüssig gewordene Soldaten. „Die waren nur noch damit beschäftigt, ihre Munition zu zählen, um sie anschließend abzugeben“, sagt der Ingenieur. Die NVAler ließen ihn rein und zeigten ihm die Hangars, die er für seine junge Firma suchte: Hier wollte er ein Flugzeug in Serie bauen und ausliefern, von dem er bis dahin noch kein einziges verkauft hatte.

Es handelte sich dabei natürlich um seine eigene Konstruktion: ein Motorflieger, der sich in der Luft in ein vollwertiges Segelflugzeug verwandelt. Der Unterschied zum Motorsegler: Dieser startet zwar auch von allein, doch der schwere Motor im Bug und der Luftwiderstand der Schraube verkürzen den anschließenden Segelflug. Hobbyflieger Stemme wollte den Motor in die Mitte verlagern und den Propeller bei Bedarf ein- und ausfalten. „Der stört beim Segelflug.“

Von etablierten Flugzeugherstellern, die sich zum Teil selbst an einem derart flexibel ventilierenden Rotor versucht hatten, wurde diese Idee belächelt: „Die lange Welle zwischen Motor und Propeller, die vibriert sich zu Tode“, beschieden sie Stemme ihre Erfahrungen. „Das haben schon so viele erfolglos versucht“, beschreibt Klaus Koplin, damals Direktor des Luftfahrt-Bundesamts, der Zulassungsstelle für neue Flugzeuge, die Erwartungshaltung seiner Behörde, als Stemme vorstellig wurde. „Und dann versuchte sich einer daran, der noch nicht mal aus der Flugzeugbranche stammt“, sagt Koplin. „Ich habe immer bewundert, dass er sich nicht hat entmutigen lassen.“ Die meisten Firmengründungen in der Luftfahrt gehen schief, scheitern auf dem langen Weg zur Musterzulassung.

Mehr als einen Prototyp, den er mit Hilfe von Forschungsfördergeldern zustande brachte, besaß der promovierte Physiker Stemme 1990 in der Tat noch nicht. Auch Mitstreiter – heute sind 50 Mitarbeiter und mehrere private Kapitalgeber an Bord – machten sich damals rar. Seine einzige Angestellte, eine Sekretärin, hatte ihm, nach einem Lottogewinn frisch eingekleidet, gekündigt, und auch seine Frau riet ihm, doch lieber ein Flugzeug zu kaufen als eins zu bauen. „Man braucht eine gewisse Sturheit gegen die Anfechtungen der Vernunft“, sagt der 69-jährige Stemme, inzwischen Vorstandsvorsitzender der gleichnamigen Aktiengesellschaft. Heute fliegen mehr als 200 Stück Stemme S10 in aller Welt. Sie gelten als konkurrenzlos.

Stemme hat nach eigenen Angaben als Erster einen Faltpropeller in ein Segelflugzeug eingebaut und ist bis heute der Einzige, der in Serie produziert. Die S10 hält den Rekord für den längsten Segelflug der Welt, aufgestellt in den Anden. Sie verbraucht wegen ihrer Aerodynamik und ihres hohen Kohlefaseranteils nur rund halb so viel Sprit wie ein Motorflieger und ist so leise, dass sie als fliegendes Auge – in einer Variante sogar unbemannt – für unbemerkte Überwachungsaufgaben eingesetzt werden kann. Immerhin hat das brandenburgische Landwirtschaftsministerium damit schon mal die im Land rastenden Gänseschwärme gezählt, nachts mit Infrarotkamera unterm Flügel.

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