Made in Germany
Produkte aus Spinnenseide: Stark wie Stahlseile

Lin Römer und Axel Leimer wollten als weltweit erstes Unternehmen Produkte aus künstlicher Spinnenseide verkaufen. Allerdings mussten sie bald feststellen: Technologie allein, ist noch längst nicht alles.
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Vor lebenden Spinnen brauchen Besucher bei Amsilk keine Angst zu haben: Wenn es überhaupt welche gibt im modernen Innovations- und Gründerzentrum in Martinsried bei München, wo die Firma im Frühjahr Laborräume und ein winziges Büro bezogen hat, dann halten sie sich gut versteckt. „Man könnte eigentlich mal darüber nachdenken, eine als Maskottchen anzuschaffen“, sinniert Mitgründer und Forschungschef Lin Römer. Die achtbeinigen Tierchen seien aber auch gar nicht so pflegeleicht – deshalb vielleicht später einmal.

Um sich mit Spinnen als Haustieren zu beschäftigen, ist bei dem Start-up einfach noch viel zu viel zu tun. Seitdem Amsilk Ende 2008 gegründet wurde, nimmt Organisatorisches wie die Ausstattung des Labors den größten Teil der Arbeitstage von Römer und seinem Kollegen und Geschäftsführer Axel Leimer in Anspruch. Und zwischendurch gilt es immer wieder, Anfragen von Firmen freundlich abzuwimmeln, die gern einen Ballen Spinnenseide zum Testen bestellen würden, am liebsten gratis.

Denn: Den Stoff gibt es noch gar nicht. Zwar hat der Erfinder der Technologie, der Biochemiker Thomas Scheibel, vor einigen Jahren Bakterien gentechnisch so verändert, dass sie erstmals Eiweißbestandteile von Spinnenseide in Kilogramm-Mengen produzieren. Das Spinnen eines Fadens aus den Proteinen funktioniert auch schon im Labor, an der Umsetzung in größerem Maßstab bastelt Amsilk aber noch.

Ohnehin sind Gewebe nur ein kleiner Teil der Produkte, die aus dem Biomaterial mit den erstaunlichen Eigenschaften hergestellt werden könnten. Die Moleküle sind unempfindlich gegen Wasser, biologisch abbaubar und lösen selten Allergien aus. Ein Faden ist bei gleichem Gewicht viermal belastbarer als Stahl und elastischer als Gummi. Deshalb kommen die Seidenproteine als Zusatz zu Kosmetika ebenso infrage wie zur Beschichtung von medizinischen Implantaten oder für das Verweben zu kugelsicheren Westen.

Die Vielfalt der möglichen Anwendungen faszinierte von Anfang an nicht nur potenzielle Abnehmer aus der Industrie, sondern auch Lin Römer, der vor vier Jahren im Nachbarlabor von Erfinder Scheibel seinen Doktor machte. „Wir haben uns oft über seine Forschung unterhalten, und es war bald klar, dass die Anfragen aus der Industrie von Scheibels Arbeitsgruppe allein nicht mehr gestemmt werden konnten“, erinnert sich der ruhige Chemiker.

Als Römer mit seiner Promotion fast fertig ist, fragt Scheibel ihn, ob er sich vorstellen könne, die Technologie bis zur Anwendungsreife weiterzuentwickeln. „Lin brachte die Motivation für die Aufgabe mit und kannte sich im Thema aus“, sagt Thomas Scheibel. Er selbst wollte das Projekt von der Universität aus weiter unterstützen.

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