Managervergütungen
Üppige Boni schon zu Kaisers Zeiten

Sind frühere Manager tatsächlich weniger gierig gewesen als heutzutage? Neue Forschungen belegen, dass es bereits im 19. Jahrhundert Erfolgsprämien für Entwickler gab, Boni für das Führungspersonal deutscher Großbanken tauchten erstmals im Jahr 1854 auf. Was man aus der Geschichte lernen kann.
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DÜSSELDORF. Die überzogenen Vergütungen von Managern und die öffentliche Empörung darüber erscheinen als junges Phänomen der Gegenwart. Implizit schwingt bei der Kritik oft mit, die Manager früherer Epochen seien weniger gierig gewesen – fälschlicherweise. Über die als unverdient angesehenen variablen Zahlungen an leitende Manager wurde schon im Kaiserreich heftig debattiert, in der Presse ebenso wie im Reichstag.

Der Wirtschaftshistoriker Carsten Burhop vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn untersucht die Auswirkungen von erfolgsabhängigen Vergütungen auf Unternehmen im Kaiserreich von 1870 bis 1914. Aus diesen historischen Erfahrungen, die bislang praktisch unbeachtet in den Archiven schlummerten, kann man, so denkt Burhop, Lehren für die Gegenwart ziehen. Finanzielle Anreize alleine genügen jedenfalls nicht zur Motivation und Disziplinierung von Managern. Das zeigen nicht nur aktuelle, sondern auch historische Erfahrungen.

Seltene Belohnungen für Entwickler

Belohnungen für besondere Leistungen von Arbeitern gab es nachweislich schon in der römischen Antike, doch institutionalisierte Erfolgsprämien im heutigen Sinne breiteten sich in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus, wie Burhop anhand seiner Recherchen in vielen Unternehmensarchiven feststellte. In der Phase rasanter technischer und institutioneller Neuerungen und starken Wirtschaftswachstums, der Zeit also, in der Firmen groß wurden, die noch heute Deutschlands Wirtschaftskraft symbolisieren, Siemens, Bayer, BASF, Deutsche Bank und viele andere.

Das Prinzipal-Agent-Problem, also die Notwendigkeit der Motivation von angestellten Managern und Entwicklern in Kapitalgesellschaften wurde schon in den Unternehmen der Kaiserzeit wahrgenommen. Bis in die 1890er-Jahre erhielten die Chemiker von BASF und Bayer oder die Ingenieure von Siemens aber nur in wenigen Fällen und wenn überhaupt geringe „Gratifikationen“.

Bayer war einer der ersten Konzerne, die das Prinzipal-Agent-Problem ab etwa 1890 durch vorab vertraglich vereinbarte Extrazahlungen für Chemiker angingen. Sie errechneten sich aus dem Gewinn, der mit einer Erfindung des betreffenden Forschers gemacht wurde. Um die Jahrhundertwende und bis zum Kriegsausbruch 1914 stieg der Anteil variabler Bezüge bei den Forschern und Entwicklern steil an, für Bayer-Chemiker lag er 1913 bei 17 Prozent. Bei BASF und Siemens waren die Belohnungen nicht an ein festes System gebunden. Die meisten Entwickler in anderen Unternehmen erhielten einer Umfrage des Deutschen Technikerverbandes von 1908 zufolge überhaupt keine Belohnungen für Erfindungen. Patente kamen also nur dem Unternehmen zugute. Auch in England und Amerika waren finanzielle Belohnungen damals nicht die Regel.

Durch statistische Berechnungen will Burhop herausgefunden haben, dass diese existierenden Boni an die Entwickler von Bayer einen „sehr kleinen Effekt“ hatten: Wenn der Anteil der Boni am Gesamtgehalt um den Faktor 1,1 wächst, steigt die Anzahl der neuen Patente um etwa 2 Prozent. Ein Vorteil des stark reglementierten Bonussystems von Bayer gegenüber den „diskreten“ Praktiken bei Siemens oder BASF sei nicht feststellbar.

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