Margarete Mitscherlich
Die Grande Dame der Psychoanalyse ist tot

Bis zuletzt schrieb sie Bücher und hielt Vorträge. Jetzt ist Margarete Mitscherlich mit 94 Jahren gestorben. Mit ihrem Mann hatte sie eine Lebens- und Denkgemeinschaft gebildet. Berühmt war sie auch als Feministin.
  • 1

FrankfurtSie war die Grande Dame der Psychoanalyse, Vorkämpferin des Feminismus und bis zuletzt geistig junge Analystin der Gegenwart: Margarete Mitscherlich ist am 12. Juni im Alter von 94 Jahren in einer Klinik in Frankfurt am Main gestorben. Noch im Herbst 2010 hatte die Jahrhundertfrau ein Buch mit dem Titel „Die Radikalität des Alters“ geschrieben.

Das Frankfurter Sigmund Freud-Institut (SFI) bezeichnete Mitscherlich als bedeutende Persönlichkeit mit imponierender intellektueller Wachheit. „Mit ihrem Tod verliert das Sigmund Freud-Institut eine wichtige Identifikationsfigur und ein überzeugendes Vorbild, wie Menschen in Würde altern können“.

Nach wie vor sei Mitscherlich präsent gewesen und immer wieder zu Rate gezogen worden, sagte der stellvertretende Direktor, Rolf Haubl. Sie sei eine Frau mit tief empfundenem Engagement für die Welt und einer großen Lust am Denken gewesen, und „wer eine Aufgabe hat, der hält auch lange durch“, sagte er.

Zusammen mit ihrem Mann Alexander Mitscherlich stehe Margarete für den Aufbruch der Psychoanalyse im Nachkriegsdeutschland. Beide seien bis heute geniale Stichwortgeber für ungelöste Fragen, etwa: Wie kommt der Hass in die Welt oder warum flackert der Antisemitismus immer wieder auf.

Mit ihrem 2010 entstandenen Buch „Die Radikalität des Alters“ habe Margarete Mitscherlich dazu aufgerufen, sich nicht mit konventionellen Ideen zufriedenzugeben, sondern „in konstruktiver Weise anzuecken“. Dies habe sie vor allem Frauen mit auf den Weg geben wollen.

Sie konnte nicht mehr in ihr geliebtes Ferienhaus am Lago Maggiore reisen und benötigte einen Rollwagen, Verbitterung blieb ihr aber immer ein Fremdwort. „Wenn Sie anfangen, eine unfreundliche alte Hexe zu werden, dann wird das Leben schwierig“, sagte sie in einem „FAZ“-Interview. Sie bewahrte sich ihren Fröhlichkeit und Selbstironie, den Gehwagen nannte sie: „eine peinliche Karre“.

Mit ihrem Leben sei sie rückblickend „ganz zufrieden“, sagte Mitscherlich zu ihrem 90. Geburtstag. Bis zuletzt hielt sie noch gelegentlich psychoanalytische Sitzungen ab, las zwei Tageszeitungen und den „Spiegel“ und schrieb ganz selbstverständlich E-Mails.

Als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin kam Margarete Nielsen 1917 in Dänemark zur Welt. Ihr Abitur machte sie während der Nazi-Diktatur in Flensburg. Nach dem Medizin-Studium in München und Heidelberg arbeitete sie vorübergehend in der Schweiz, wo sie Alexander Mitscherlich kennenlernte. Da war der Psychoanalytiker (1908-1982) in zweiter Ehe verheiratet und schon vierfacher Vater.

Den 1949 geborenen gemeinsamen Sohn Matthias vertraute sie zeitweise ihrer Mutter an, weil sie ihn wegen der eigenen Berufstätigkeit dort besser versorgt glaubte. Das brachte ihr später viel Kritik ein. 1955 heiratete das Paar aber doch und begründete eine jahrzehntelange Liebes- und Arbeitsbeziehung, eine Lebens- und Denkgemeinschaft.

Ihre 45 gemeinsamen Jahre mit Alexander seien nicht immer harmonisch gewesen, erzählte sie bei einer ihrer letzten Lesungen in Frankfurt im ausverkauften Literaturhaus. „Wir haben uns oft gestritten.“ Die Rivalität zwischen den beiden Wissenschaftlern sei „nicht das Problem gewesen, die war lustvoll. Aber die Eifersucht war vorhanden. Er hat mir auch vorgeschlagen, mir einen anderen zu suchen. Aber wenn ich das dann tat, war der Teufel los.“

Gemeinsam arbeiteten sie zunächst in einer psychosomatischen Klinik in Heidelberg, später am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt, wo Margarete Mitscherlich zeitweise die psychoanalytische Ausbildung leitete. Gemeinsam schrieben sie für das Nachkriegsdeutschland prägende Bücher wie „Die Unfähigkeit zu trauern“ (1967) über die kollektiven Verdrängungsmechanismen der Gesellschaft, einen intellektuellen Schlüsseltext der Studentenbewegung.

Später wandte sich Margarete Mitscherlich der Frauenbewegung zu. In ihrem bedeutendsten eigenen Buch, „Die friedfertige Frau“ (1985), legte sie dar, dass Frauen nicht von Natur aus weniger aggressiv sind, sondern ihr vermeintlich ausgleichendes Wesen nur erlernt haben.

Seite 1:

Die Grande Dame der Psychoanalyse ist tot

Seite 2:

Sigmund Freud als Plüschpuppe

Kommentare zu " Margarete Mitscherlich: Die Grande Dame der Psychoanalyse ist tot"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Freud hat als erster anerkannt, dass Frauen sexuelle Wesen sind

    Der Satz ist falsch, da sein Lehrmeister Charcot in der Pariser Salpetrière das schon lange vor ihm erkannt hatte. Und der Herr Freud war eine Katastrophe für die weibliche Sexualität, weil er weibliche Sexualität mit männlichem Wunschdenken interpretierte. Erst Lacan hat hier Veränderung gebracht. (Il n'y pas de rapport sexuel) Das wirft ihm sogar seine noch lebende Enkelin Sophie Freud vor.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%