Marine Naturstoffe: Schätze aus der blauen Apotheke

Marine Naturstoffe
Schätze aus der blauen Apotheke

Die Ozeane bieten Millionen kaum erforschter Organismen als wichtige Wirkstofflieferanten für die Pharmazie und andere Anwendungen, doch der zunehmende Artenschwund macht die Forschung immer schwieriger.

HAMBURG. Zwanzig lange Jahre war der Schwamm verschwunden. 1984 hatten amerikanische Meeresbiologen einen unscheinbaren Schwamm vom Meeresgrund geerntet. Erst im Labor wurde ihnen klar, dass sie einen Volltreffer gelandet hatten: Der so genannte Disco-Schwamm enthielt eine Substanz, die sich im Test 400-mal wirksamer gegen Brustkrebszellen als ein Standardmedikament zeigte.

Doch bald waren die Proben aufgebraucht, und trotz intensiver Suche ging den Wissenschaftlern der seltene Meeresbewohner nicht mehr ins Netz. Erst im Jahr 2003 gelang es, den Lebensraum des Superschwamms vor den Bahamas mit einem Tauchboot in 300 Meter Tiefe wieder zu entdecken; ein Kilo des Schwamms stand nun erneut zur Analyse zur Verfügung.

Ungefähr ein Drittel der heute meistverkauften Arzneimittel sind reine Naturstoffe oder wurden daraus abgeleitet. Der überwiegende Teil davon entstammt terrestrischen Pflanzen und Pilzen. Doch ein Großteil der Substanzen an Land wurde in den letzten 150 Jahren bereits ausgiebig untersucht oder befindet sich unter Patentschutz. So setzen weltweit die Forscher bei ihrer Suche nach neuen Wirkstoffen zunehmend auf marine Organismen.

Die Aussichten, im Ozean neue Wirkstoffe zu finden, sind äußerst günstig. Denn die Forschungen im größten Lebensraum der Erde - die Meere nehmen drei Viertel ihrer Oberfläche ein - stehen erst noch am Anfang. Während die ersten Wirkstoffe aus Landpflanzen schon früh entdeckt wurden - Colchizin aus der Herbstzeitlosen ist als Gichtmittel bereits seit 1819 bekannt -, setzte die Suche im Meer erst sehr spät mit der Entwicklung der Scuba-Tauchtechnik und den modernen Forschungs-U-Booten in den 1960er-Jahren ein.

Medikamente aus der "blauen Apotheke" sind jedoch nicht immer einfach zu finden. Zum einen bedarf es oft enormer Probemengen der betreffenden Organismen, um eine genügende Menge eines gesuchten Naturstoffs gewinnen zu können. So können etwa aus einer Tonne des Schwammes Lissodendoryx nur 300 Milligramm eines Wirkstoffgemischs isoliert werden. Und zum anderen ist das Sammeln seltener Organismen, wie das Beispiel des Disco-Schwammes zeigt, immer zeitaufwendiger und schwieriger geworden. Das liegt nicht zuletzt am zunehmenden Artenschwund durch die Tiefsee-Fischerei.

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