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Marlene: Das weltweit jüngste Kind mit einer Hörhilfe unter der Haut

Ohne technische Hilfe kann die vier Monate alte Marlene nicht mehr hören. Nach einer durch Bakterien verursachten Hirnhautentzündung ist das Mädchen ihr ganzes Leben lang auf eine Hörhilfe angewiesen.

dpa FREIBURG. Ohne technische Hilfe kann die vier Monate alte Marlene nicht mehr hören. Nach einer durch Bakterien verursachten Hirnhautentzündung ist das Mädchen ihr ganzes Leben lang auf eine Hörhilfe angewiesen. Ärzte der Universitätsklinik Freiburg haben dem Säugling im Alter von nur 123 Tagen ein Hörgerät eingesetzt.

Das kleine Mädchen aus dem südbadischen Teningen ist damit nach Angaben der Ärzte weltweit das jüngste Kind, dem Hightech-Prothesen in beide Innenohre implantiert wurden. Am Donnerstag konnte es die Klinik wieder verlassen.

„Jeden Tag werden in Deutschland im Schnitt ein bis zwei Kinder geboren, die von Geburt an taub sind“, sagt Roland Laszig, Ärztlicher Direktor der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik an der Universität Freiburg. Hinzu kommen einige hundert Kinder pro Jahr, die zwar gesund geboren werden, aber nach einer Gehirnhautentzündung am Ohr erkranken und nicht mehr hören können. Mit einer technischen Hörhilfe, einem Cochlear-Implantat, kann ihnen das Gehörsinn wieder gegeben werden.

„Das Gerät wird den Patienten unter die Haut eingesetzt, die damit verbundenen Elektroden ins Innenohr geführt“, sagt Laszig. Jedes Jahr werden nach Angaben der Freiburger bundesweit rund 1 000 derartige Hörhilfen implantiert, bei Kindern und Erwachsenen. Die Technik wird seit 1984 angewandt. Freiburg ist eine von wenigen Kliniken in Deutschland, die sich darauf spezialisiert haben.

„Im Regelfall werden die Geräte bei Kindern im Alter von zwölf bis 16 Monaten eingesetzt“, sagt Oberärztin Antje Aschendorff. Doch bei Marlene musste es schneller gehen. Das gesund geborene Mädchen erkrankte an einer Gehirnhautentzündung, die nach Angaben der Mediziner lebensbedrohlich war. Die dadurch verursachte Taubheit setzte die Mediziner unter Zugzwang: „Eine spätere Einsetzung der Hörhilfe wäre nicht möglich gewesen, weil der Hörgang dann zu stark verhärtet gewesen wäre“, sagt Aschendorff. Marlene wäre dann ihr Leben lang gehörlos geblieben.

„Der Schock am Anfang war natürlich groß“, sagt Marlenes Vater Jürgen Ehrler (32). „Wir haben Tage zwischen Hoffen und Bangen verbracht.“ Doch zur Einsetzung eines Hörgerätes habe es keine Alternative gegeben. „Wir wollten, dass Marlene später hören, verstehen und sprechen kann“, sagt Mutter Ana (38).

Nach drei Stunden Operation kam die Erleichterung: Marlene hat den Eingriff gut überstanden. In den kommenden sechs Wochen müssen die Wunden verheilen. Dann werden die eingesetzten Geräte an die Elektronik angeschlossen, die Marlene außen am Ohr tragen wird.

„Die Hörgeräte werden Marlene ein Leben lang begleiten“, sagt Oberärztin Aschendorff. Bei regelmäßigen Nachsorgeterminen werden die Geräte neu eingestellt. In den ersten fünf Jahren muss Marlene alle zwei bis drei Monate in der Klinik erscheinen. Später reichen dann zwei Termine pro Jahr. Doch der Aufwand lohnt sich, meint Vater Jürgen: „Marlene kann schon wieder toll lächeln“, freut er sich. Und sie werde ein Leben mit Geräuschen und Sprache führen können.

Die Statistik belegt dies: „Rund die Hälfte der Kinder mit Cochlear-Implantat kann problemlos hören und sprechen, sie besuchen eine Regelschule“, sagt Professor Laszig. Das erste Kind, dem er 1987 in Freiburg eine technische Hörhilfe eingesetzt habe, spreche heute drei Fremdsprachen und habe im Alltag keinerlei Probleme.

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