Maschinenmensch

Mein Freund, der Roboter

Roboter als Pflegepersonal – in Japan gehört das bereits zum Alltag. Die Gesellschaft überaltert rasch, kluges Gerät soll helfen, das Problem zu stemmen. Doch eine Maschine als Kumpel mag längst nicht jeder.
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Ein Androide als Entertainer: Bewohner des Pflegeheim Fuyo-En in Yokohama (Japan) betrachten den Roboter Parlo. Quelle: dpa

Ein Androide als Entertainer: Bewohner des Pflegeheim Fuyo-En in Yokohama (Japan) betrachten den Roboter Parlo.

(Foto: dpa)

YokohamaParlo hebt die Arme, Musik erklingt, dann ruft der Roboter mit kindlicher Stimme „Lasst uns im Rhythmus klatschen“. Im Saal des Pflegeheims Fuyo-En in Tokios Nachbarstadt Yokohama blicken gut ein Dutzend betagte Japanerinnen und Japaner die Maschine auf dem Tisch für einen Moment etwas ratlos an. Nicht jeder hat den 40 Zentimeter kleinen humanoiden Roboter verstanden.

Ein Pfleger in weißem Kittel tritt heran und wiederholt mit lauter Stimme Parlos Aufforderung. Eine Dame in der ersten Reihe ruft begeistert „Ja, ja“. Parlo beginnt zu tanzen.

„Der Roboter ist Teil des Alltagslebens hier geworden“, erzählt Heimleiter Akira Kobayashi. Seine Pflegeeinrichtung liegt in einer Sonderwirtschaftszone zur Förderung von Robotern, die von der japanischen Regierung in Tokios Nachbarprovinz Kanagawa eingerichtet wurde.

Roboter parken Autos am Düsseldorfer Flughafen
huGO-BildID: 37717504 Parking robot "Ray" transports a car in Duesseldorf, Germany, Monday, 23 June 2014. The parking robot will see servic
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Er sieht aus wie ein plattgedrückter Gabelstapler ohne Fahrerkabine. Kaum hat der Autofahrer seinen Wagen am Düsseldorfer Flughafen in einer Übergabestation abgestellt, surrt Roboter „Ray“ heran. Zuerst vermisst und fotografiert er das Auto, damit hinterher keiner behaupten kann, irgendein Kratzer wäre von ihm. Dann fährt er vorsichtig seine Gabeln aus, lupft das Auto an den Reifen an und verschwindet mit dem Wagen. Seit Montag hat die technische Weltneuheit das Parken für einen Teil der Stellplätze am Airport übernommen.

huGO-BildID: 37717528 Parking robot "Ray" transports a car in Duesseldorf, Germany, Monday, 23 June 2014. The parking robot will see servic
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Für 29 Euro Parkgebühr pro Tag erspart „Ray“ das Gekurbel und Gekurve in engen Betongeschossen und die Suche auf scheinbar endlosen Parkdecks nach einer freien Lücke: Das Premiumparken am Airport sei mit „Ray“ nicht teurer geworden, nur bequemer, versichern die Parkhausbetreiber. Die Zielgruppe sind Geschäftsleute.

Die Investitionskosten von 1,5 bis 2 Millionen Euro für drei Roboter vom Typ „Ray“ und sechs Übergabestationen wollen sie durch die zusätzlichen Stellplätze einspielen: Weil „Ray“ keinen Kurvenradius hat und deswegen nur drei statt sechs Meter breite Wege braucht, können auf gleicher Fläche erheblich mehr Wagen untergebracht werden. Außerdem muss kein Abstand zum Öffnen der Türen und zum Rangieren eingehalten werden. Die Autos stehen dicht an dicht mit wenigen Zentimetern Abstand.

Park-Roboter am Airport
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Im Gegensatz zu automatisierten Parkhäusern, die etwa in New York und München wie ein Hochregallager mit verschiebbarem Aufzug konstruiert sind, können auch herkömmliche Parkhäuser mit „Ray“ nachgerüstet werden. „Wir haben Anfragen aus aller Welt, vor allem aus asiatischen Städten“, verrät „Ray“-Entwickler Rupert Koch (34).

Im April hatte bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen Prototypen auf der Hannover Messe besichtigt. Doch das Blitzlichtgewitter der Fotografen habe die Präsentation verpatzt. „Ray“ mag keine Blitze und wenn sich Menschen nähern, stoppt er seine Fahrt - aus Sicherheitsgründen. Diverse Kinderkrankheiten habe man dem System in den vergangenen Testmonaten austreiben können, versichert Koch.

Park-Roboter am Airport
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Entwickelt wurde „Ray“ binnen dreieinhalb Jahren vom kleinen bayerischen Unternehmen Serva Transport Systems in Grabenstätt mit 15 Mitarbeitern. Die haben sich viel von den fleißigen Industrierobotern abgeguckt, die fahrerlos durch moderne Autofabriken kurven und dort weitgehend die Logistik übernommen haben.

Für den Flughafen haben die Ingenieure „Ray“ mit der Flugdatenbank verbunden. Sobald der Flieger des Autobesitzers gelandet ist, erfährt „Ray“ dies automatisch und kann den Wagen schon mal aus dem hintersten Winkel herbeischaffen und bereitstellen. Der Wagenbesitzer wird schon beim Abstellen des Wagens gefragt, ob er Gepäck aufgeben wird - entsprechend mehr Zeit kann sich „Ray“ lassen.

Park-Roboter am Airport
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Das System weiß auch, ob ein Geschäftsmann direkt am Terminal aussteigt und in wenigen Minuten da ist, oder der Wagenbesitzer im Ferienflieger mit Bustransfer landet. Das ist wichtig, damit die Autos in der richtigen Reihenfolge parat stehen, wenn die Besitzer zurückkehren.

Wenn er nicht gerade seinen Akku aufladen muss, arbeitet „Ray“ auch nachts. Dann optimiert er den „Lagerbestand“ an Autos und sortiert die Ausgabe der Wagen vor.

Park-Roboter am Airport
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Mit Personalabbau gehe das neue System nicht einher, versichern die Parkhausbetreiber. Aufpasser würden rund um die Uhr vor Ort sein und könnten zur Not einen der Roboter beiseiteschieben, wenn der mal ausfalle. So bleibe das System flexibel.

„Parlo wird von manchen der Damen hier wie ein kleines Kind betrachtet“, erzählt Kobayashi, während der Roboter mit Senioren Rätselraten spielt. „Er verfügt über 365 verschiedene Programme. Wir nutzen ihn zur Einstimmung in unsere täglichen Erholungsstunden mit den Bewohnern unseres Altersheims.“

Entwickelt wurde Parlo von der japanischen Firma Fuji Soft. „Ziel dieses Roboters ist es, eine neue Beziehung zwischen Menschen und Computern zu schaffen“, erläutert Eiji Honda, Leiter der Roboterabteilung. Computer seien bisher lediglich Werkzeuge gewesen. „Wir wollten daraus einen Partner machen“, sagt Honda und blickt auf ein Poster in seinem Büro, von dem die berühmte Comic-Figur „Tetsuwan Atomu“ (Astro Boy) des Zeichners Osamu Tezuka herabschaut.

Der Androiden-Junge mit Superkräften aus einem Manga-Comic der 50-er und 60-er Jahre ist eine Art Vorfahre von Parlo. Und er ist Ausdruck der seit Generationen andauernden Begeisterung der Japaner für Technik und Roboter aller Art.

Parlo ist mit künstlicher Intelligenz (KI) ausgestattet, er kann Menschen an ihren Stimmen erkennen und mit ihnen kommunizieren. Mit seinen Armen und Beinen erinnert er an größere Androiden wie Hondas Asimo oder Sonys Roboterhund Aibo, die vor Jahren weltweit für Aufsehen sorgten und Japans Stellung als führende Roboternation unterstrichen. 

Ein Roboter, der Emotionen deuten kann
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