Mattenzauber für die Umwelt
Feinstaubfresser an der Autobahn

Seine Moose an der Autobahn erledigen ein dreckiges Geschäft: Der Biologe Jan-Peter Frahm hat das grüne Gewächs angesetzt, um die Feinstaub-Salze aus dem Straßenverkehr unschädlich zu machen. Noch handelt es sich um ein Experiment. Aber sollte sich tatsächlich der gewünschte Effekt einstellen, macht Frahm mit Moos ganz gehörig Kohle.
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Jan-Peter Frahm öffnet sein graues Büroschränkchen und greift zielsicher hinein. „Wollen sie einen?“, fragt er freundlich. Es ist erst kurz nach zehn. Frahm hält eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit gegen das Licht. Darin schwimmen ein paar Strünke oder Blätter, undefinierbar. Kräuteressig statt Kaffee zum Frühstück? „Moosschnaps“, sagt Frahm nüchtern. „Den haben mir meine Studenten aufgesetzt. Einfach einen Korn mit Moos versetzen, zuckern und einige Tage liegen lassen.“

Mit Moosen kennt sich der 63-jährige Biologie-Professor der Universität Bonn aus. Wie die Moose dem Menschen und der Natur dienen können, das treibt ihn um. Der Schnaps ist dabei nur erheiterndes Beiwerk. Ohnehin sollte man den besser dort vermeiden, wo sich Frahm in diesen Tagen besonders gerne aufhält: auf der Autobahn 562, südlich von Bonn. Hier hat er den Mittelstreifen auf einem 150 Meter langen Abschnitt mit Moosmatten auslegen lassen. „Die haben sich schön entwickelt“, sagt er und streicht mit der Hand prüfend darüber wie der Tierarzt über das Fell einer gesunden Katze.

Dabei erledigen seine Moose an der Autobahn ein dreckiges Geschäft. Frahm ist nach seinen Laborversuchen überzeugt: Moose fressen ammoniakhaltigen Feinstaub. Dass sie dazu fähig sind, hat der Biologe vor drei Jahren entdeckt. Jetzt will Frahm so viele Autobahnen wie möglich mit gefräßigen Moosen begrünen. Ansonsten drohe ein „Düngeeffekt“ – seltene Arten und Blütenpflanzen würden verdrängt durch stickstoffliebende Brennesseln und Brombeeren. „Wenn wir nicht gegensteuern, leben wir bald in einer Güllewüste“, sagt Frahm.

Frahm gibt in seinen braunen Adidas-Turnschuhen und der funktionalen Weste den Naturburschen. So ist es nicht ohne Ironie, dass heute ausgerechnet eine Autobahn zu den Lieblingsplätzen des Biologen gehört: „Ich bin der letzte Moosfachmann der noch rausgeht in die Natur, um die Moose zu bestimmen“, sagt Frahm. Jüngere Professoren würden sich stattdessen besser mit der DNA der rund 15 000 Moosarten auskennen, kokettiert er. „Wenn Sie so wollen, war es Gottes Wille, der mich zu den Moosen geführt hat“, erzählt der Katholik. Er war 15, als ihm die Exerzitien an seiner Hamburger Jesuitenschule langweilig wurden. Bei den endlosen Spaziergängen der inneren Einkehr fiel sein Blick immer wieder auf den Waldboden und damit auf das Moos. „Ich habe mir dann ein Bestimmungsbuch in der Bibliothek besorgt“, erzählt Frahm. „Damit fing alles an.“

Lange hat er die Wälder Südamerikas und Südostasiens bereist und dort Moose erforscht. Er studierte in Hamburg und Kiel, wurde Professor in Duisburg, bis er schließlich 1994 in Bonn antrat.

Vor gut zehn Jahren fiel Frahm auf, dass in den Städten Moose und Flechten auftauchten, die man bis dahin nur vom Land kannte. Dort bevorzugen sie Plätze in unmittelbarer Umgebung von Misthaufen. Eigentlich wollte Frahm nur herausfinden, warum sie sich nun in der unwirtlichen urbanen Umgebung niederließen. Doch schon bald führten ihn seine Untersuchungen auf die Autobahn. Denn Frahm stellte fest, dass diese Moose vor allem an viel befahrenen Straßen auftraten. „Ich habe die lästige Zeit im Stau verwendet, um schnell auf dem Mittelstreifen Bodenproben zu entnehmen“, erzählt der Botaniker.

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