Medizin
Heilung aus der Tube

Skalpell, Tupfer, Kleber – das Werkzeug von Chirurgen könnte sich bald verändern, denn Forscher entwickeln Klebstoffe, mit denen zunächst Zahnimplantate und später gar Herzklappen und Gefäßprothesen mit dem körpereigenen Gewebe verbunden werden können, ohne dass genäht werden muss.

BERLIN. Unter der Führung der Uni-Klinik Frankfurt und des Bremer Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung (IFAM) entwickeln Chemiker, Ärzte und Biotechniker den medizinischen Kleber, über dessen genaue Zusammensetzung und Funktion sich IFAM-Projektleiter Klaus Rischka ins Schweigen hüllt, denn es könnte sich eine kleine und damit letztlich lukrative Revolution anbahnen. Nur so viel: „Die Trägersubstanz ist ein Polymer, das mit einem Wachstumsprotein und einem Peptid der Miesmuschel als Klebekomponente zusammengebracht wird und für eine feste Verbindung zwischen Gewebe und Implantat sorgt“, erklärt der Chemiker.

Die Substanz der Miesmuschel ist deshalb so interessant, weil sie die Tiere an nahezu jeder Oberfläche, selbst Teflon, bombenfest haften lässt. Ganz gleich, ob der Untergrund fest, porös, glitschig oder trocken ist. Dafür sorgt das spezielle Peptid – das allerdings künstlich erzeugt wird– bald auch beim Menschen.

Ebenfalls künstlich erzeugt wird das Wachstumsprotein, durch dass körpereigenes Gewebe stimuliert wird, an das Implantat anzuwachsen. Auf diese Weise sollen zunächst Zahnimplantate aus Titan im Kieferknochen verankert werden. Bislang kann es hierbei zu Entzündungen kommen, weil zwischen Zahnfleisch und dem Metallstift Hohlräume bleiben, in denen sich Bakterien sammeln. Bei einer festen Verbindung würde dies nicht passieren.

Durch UV-Licht soll die Klebestelle schnell aushärten, so dass bereits binnen einer halben Minute ein Implantat fest verbunden wäre. Bis es soweit ist, steht allerdings noch etwas Forschungsarbeit an. „In den kommenden zwei Jahren wollen wir die Grundlagen für den praktischen Einsatz schaffen. Vor allem geht es darum, Wirksamkeit und Verträglichkeit an Zellkulturen nachzuweisen“, erklärt Rischka. Frühestens in fünf bis zehn Jahren sei der Kleber dann anwendungsreif.

Bei dem Zahnimplantatehersteller Straumann weckt das Vorhaben bereits Interesse, auch wenn es längst noch nicht das klinische Stadium erreicht hat: „Es handelt sich um ein Forschungsprojekt, das ein großes Potenzial haben kann. Zur Zeit aber sind noch sehr viele Fragen unbeantwortet“, sagt Marco Wieland, Vizepräsident der Forschungsabteilung von Straumann.

Auch Hartwig Bauer, Generalssekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) hält die Idee für zukunftsträchtig. Aber auch er sieht noch unbeantwortete Fragen. Es müsse sichergestellt werden, dass nicht chronische Entzündungen und allergische Reaktionen ausgelöst werden. Schließlich, so Bauer, basiere der Klebstoff auf Eiweiß.

Sollte es zu keinen Komplikationen kommen, sieht Bauer weitere Einsatzgebiete. „Eine breite Anwendung in der Chirurgie wäre möglich: die Verbindung von Gewebe anstelle einer Naht sowie die Einbringung und Verankerung von biologischen Implantaten oder solchen aus Kunststoff oder Metall.“ So denken die Forscher daran, künftig Herzklappen einzukleben, was für den Patienten sehr viel verträglicher wäre.

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