Medizin
Insekten werden zum Biorohstoff

Sie sind die einzigen Tiere, die in Jauchegruben überleben können. Dafür brauchen die Rattenschwanz-Larven ein starkes Immunsystem. Und das könnte sie zu wertvollen Lieferanten der Pharmaindustrie machen. Denn die suchen verstärkt nach medizinisch nutzbaren Insekten.
  • 0

DÜSSELDORF. Was tut man nicht alles für die Forschung. Der Biologe Andreas Vilcinskas steigt sogar in Jauchegruben auf hessischen und brandenburgischen Bauernhöfen, um Rattenschwanz-Larven einzusammeln. "Das sind die Larven einer bestimmten Schwebfliege und die einzigen bekannten Tiere, die in Jauchegruben überleben können", erklärt er. Weil es dort vor Krankheitserregern wimmelt, brauchen die Tiere ein schlagkräftiges Immunsystem - und das will Vilcinskas auch für den Menschen nutzen.

19 Eiweiße hat er so gefunden, mit denen die Tiere Mikroorganismen abwehren können. Einige davon könnten auch beim Menschen Anwendung finden, hofft er. Insekten könnten bald zu wertvollen Lieferanten für die Pharma- und Chemieindustrie werden. "Sie haben für die Suche nach neuen Medikamenten ein unglaubliches Potenzial", sagt Vilcinskas. Der Professor für Angewandte Insektenkunde an der Universität Gießen leitet seit September die Fraunhofer-Projektgruppe "Bioressourcen". Das hessische Wissenschaftsministerium fördert das Projekt mit vier Millionen Euro.

Auch Konrad Dettner, der an der Universität Bayreuth die Abwehrstoffe und Gifte von Insekten untersucht, ist überzeugt, dass Insekten eine reichhaltige Wirkstoffquelle sind. "Es gibt auf der Welt extrem viele Insektenarten" sagt er. Etwa eine Million Arten sind wissenschaftlich beschrieben. Und es gibt noch viel mehr unbekannte. Manche Forscher gehen von acht Millionen Insektenarten aus. "Wenn Sie dann noch die ganzen Bakterien und Pilze dazuzählen, die mit manchen Insekten vergesellschaftet sind, dann ist das ein riesiges Potenzial", sagt Dettner.

Sein aktuelles Forschungsobjekt ist ein medizinisch vielversprechender Insektenstoff namens Pederin. Mit dieser giftigen Substanz versehen einige Arten von Kurzflügelkäfern ihre Eier, die dadurch von Spinnen verschmäht werden. Dieses Schutzgift wirkt auch auf den Menschen. "Wenn man so einen Käfer auf der Haut zerdrückt, dann bekommt man 24 Stunden später eine massive Entzündung der Haut", sagt Dettner. Aber viel wichtiger ist, dass Pederin auch stark gegen Tumore wirkt, wie Tests gezeigt haben. "Es gibt noch jede Menge solcher biologisch wirksamen Naturstoffe zu finden", glaubt Dettner.

Bei der Suche nach medizinisch verwertbaren Insekten gehen Forscher inzwischen ganz systematisch vor: "Wir regen das Immunsystem der Tiere an, indem wir ihnen Bakterien injizieren oder Bestandteile der Zellwand von Bakterien." Das Immunsystem der Tiere wird dann aktiv. Die Zellen stellen sich auf die Infektion ein, im Zellkern werden wichtige Gene zur Immunabwehr abgelesen und in Boten-RNA übersetzt, die dann aus dem Zellkern ausgeschleust wird, um in Eiweiße übersetzt zu werden.

Seite 1:

Insekten werden zum Biorohstoff

Seite 2:

Kommentare zu " Medizin: Insekten werden zum Biorohstoff"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%