Medizin und Geisteswissenschaften
Wo Körper und Geist sich treffen

Mediziner und Geisteswissenschaftler erforschen gemeinsam psychische, soziale und physische Faktoren von Krankheiten

„Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Biologie“ – mit dieser gewagten These provozierte vor einigen Wochen der Göttinger Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera in der Zeitschrift „Laborjournal“. Der für seine forschen Äußerungen berüchtigte Forscher fordert die Geisteswissenschaftler (von ihm als „Verbalwissenschaftler“ bezeichnet) auf, sich „aus den inneren Angelegenheiten und Fragestellungen der einzig wahren, der Naturwissenschaft“ herauszuhalten. Mit Brachialrhetorik für ein naturalistisches Weltbild streitend, spricht er dem, was in den Philosophischen Fakultäten der Universitäten getan wird, jegliche Relevanz ab.

Kutscheras Verachtung der Geisteswissenschaften wird glücklicherweise nicht von allen Biologen geteilt. Zumal viele neuere Erkenntnisse gerade aus der Biomedizin darauf hindeuten, dass in der von Kutschera so häufig zitierten Realität die Grenzen zwischen Körper und Geist, zwischen Biologie und Gesellschaft, zwischen Natur und Kultur fließend sind. Dass die Kultur und gesellschaftliche Ereignisse wie Kriege oder Hungersnöte sogar ihre Spuren in den Genen hinterlassen, gilt als erwiesen.

„Zunehmend werden Rückkopplungsmechanismen zwischen physiologischen, psychischen und sozialen Vorgängen beschrieben, die die Grenzen zwischen den Disziplinen, die sich für die jeweils unterschiedlichen Bereiche zuständig erachten, überschreiten“, sagt Stefan Beck, Professor am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität Berlin und Sprecher des Forschungsschwerpunkts „Präventives Selbst“. „In der biomedizinischen Forschung mehren sich die Hinweise, dass die klare konzeptionelle Trennung zwischen körperlichen, geistigen und sozialen Faktoren bei der Entstehung von Krankheiten nicht mehr aufrechtzuerhalten ist.“

Im Forschungsschwerpunkt „Präventives Selbst“ untersuchen Ethnologen, Mediziner, Wissenschaftstheoretiker und Historiker gemeinsam die Wechselwirkungen zwischen Krankheitsentstehung, Gesellschaft und Individuum. Forschungsobjekt sind Herz-Kreislauf-Probleme und Übergewicht, also das „metabolische Syndrom“. Ein Thema, das seit einigen Jahren auch eine immer größere gesellschaftliche und politische Dimension gewonnen hat: Die Fettleibigkeit und ihre negativen Folgen sind mittlerweile so verbreitet, dass sie Gegenstand von Präventionsprogrammen der Krankenkassen und von staatlicher Gesundheitsförderung wurden.

Doch wie wirkt sich der Anspruch an uns moderne Menschen, unsere Gesundheit permanent selbst zu überwachen, auf die Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit in der Gesellschaft aus? Und warum zeigen Vorsorgeprogramme offenbar so wenig Wirkung? Um das herauszufinden, sammelten die Wissenschaftler gemeinsam in Hausarztpraxen Daten darüber, wie Ärzte mit ihren Patienten über ihre Herz-Kreislauf-Erkrankungen sprechen und wie die Patienten mit ihrem Übergewicht im Alltag umgehen. In einem Teilprojekt wurde die Geschichte der Präventionsprogramme im 20. Jahrhundert untersucht. Wissenschaftstheoretiker gingen der Frage nach, wie sich die Vorstellungen von den Ursachen des metabolischen Syndroms verändert haben.

Seite 1:

Wo Körper und Geist sich treffen

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%