Medizin
Wenn das Herz aus dem Takt gerät

Neue bildgebende Verfahren erleichtern die Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Waren die heiklen Eingriffe bislang Spezialkliniken vorbehalten, kann ein nun entwickeltes System die Orientierung vereinfachen und die Operation präzisieren.

BERLIN. Herzrasen, Atemnot, Todesangst – etwa eine Million Deutsche leidet unter Vorhofflimmern. Die mit Abstand häufigste Herzrhythmusstörung birgt lebensbedrohliche Risiken: Allein 15 Prozent aller Schlaganfälle gehen auf ihr Konto. Ursache ist eine Art elektrischer Kurzschluss zwischen Lungenvene und Herz. Elektrische Impulse aus den Lungenvenen lösen das Flimmern aus. Dauerhaft heilen lassen sich viele Patienten nur durch eine so genannte Katheter-Ablation, mit der Kardiologen eine Narbe zwischen Vene und Herz erzeugen und so den elektrischen Strom unterbrechen, der das Herz aus dem Takt bringt.

Diese Methode beherrschen bislang nur Experten an Zentren, die auf die Diagnose und Behandlung von Herzrhythmusstörungen – die so genannte Elektrophysiologie (EP) – spezialisiert sind. Da der Eingriff bis vor kurzem ohne Darstellung der verschiedenen Strukturen des Herzens erfolgen musste, stießen auch die Fachärzte bei komplexen Herzrhythmusstörungen, bei denen mehrere Bereiche des Herzens beteiligt sind, rasch an ihre Grenzen. Medizintechnikhersteller arbeiten nun an Geräten, die den Eingriff vereinfachen und eine Therapie auch in normalen Kliniken ermöglichen soll.

Einer der Entwickler ist Philips. Der niederländische Elektronikkonzern hat ein System auf den Markt gebracht, das dem Operateur eine bessere Orientierung verschaffen soll, wenn er mit der Katheterspitze das Gewebe zwischen Lungenvene und Herz Punkt für Punkt verödet. Dazu überlagert das „EP-Cockpit“ genannte System die vor der Untersuchung erstellten dreidimensionalen Aufnahmen aus dem Computer- oder Magnetresonanztomographen mit Röntgenbildern, die während des Eingriffs gemacht werden.

„Mit der Technik finden wir uns nun besser im Körper des Patienten zurecht und können eine Verödung schneller und präziser durchführen“, sagt Charalampos Kriatselis vom Deutschen Herzzentrum Berlin, wo das erste rund 1,2 Mill. Euro teure „EP-Cockpit“ jüngst in Betrieb genommen wurde. Statt früher bis zu sechs dauere der Eingriff mit dem neuen System nur noch vier Stunden, sagt Kriatselis.

2 500 EP-Zentren gibt es weltweit. Laut Philips-Marketingleiter Jan Vermeulen will sich das Unternehmen als Rundumanbieter etablieren. „In den meisten EP-Labors sind viele Geräte verschiedener Hersteller unübersichtlich angeordnet“, sagt er. „Für jede Anwendung läuft ein eigener PC, und die Patientendaten werden nicht zentral verwaltet.“ Philips will diese durch sein voll integriertes System ersetzen. Doch auch Konkurrent Siemens hat eine „vollständig integrierte Workflow-Lösung“ für elektrophysiologische Eingriffe – inklusive 3-D-Bildgebung – im Programm.

Die neue Technik biete aber nicht nur Vorteile, sondern berge auch Gefahren, sagt Karl-Heinz Kuck, Chef der kardiologischen Abteilung des St. Georg Krankenhauses in Hamburg und Pionier bei der Katheter-Ablation. „Die räumlichen Bilder könnten dazu verführen, sich nur am Bildschirm-Modell zu orientieren“, sagt der Mediziner. Das erzeuge trügerische Sicherheit, denn auf den statischen Bildern würden weder Herzschlag noch Atembewegungen des Patienten abgebildet.

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