Medizinforschung
Anderes Klima, andere Krankheiten

Das Klima verändert sich immer drastischer. Der Treibhauseffekt und die damit verbundene globale Erderwärmung sorgen weltweit für Besorgnis. Hitzewellen fordern Tausende Todesopfer. Die Pharmabranche hat das mittlerweile registriert und forscht verstärkt in der Tropenmedizin.

DÜSSELDORF / FRANKFURT. Juli 2006: In Dresden erleidet ein 64 Jahre alter Mann am Steuer seines Kleintransporters einen Hitzschlag. Zehntausende Engländer melden sich mit Hitzebeschwerden beim Arzt, die Krankenhäuser sind in erhöhter Alarmbereitschaft. Auch Frankreich, die Niederlande und Spanien beklagen Opfer des tropischen Wetters. Der heißeste Juli seit Beginn der Messungen fordert seinen Tribut – das Klima ändert sich.

„Seien sie besorgt. Seien sie sehr besorgt“, warnt das US-Magazin „Time“. 150 000 Menschen sterben jährlich an den Folgen des Klimawandels, weitere fünf Millionen werden krank, meldet eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Betroffen sind vor allem unterentwickelte Länder. So kehrt die Malaria in afrikanische Bergregionen wie Uganda, Kenia oder Tansania zurück, aus denen sie jahrzehntelang verschwunden war. Aber auch in den Industriestaaten wird inzwischen intensiver über die Gesundheitseffekte des Klimawandels diskutiert. Die Mortalitätsrate bei Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen etwa korreliert eng mit der sommerlichen Hitzebelastung. Andere Gefahren drohen durch indirekte Effekte: Bei weiterer Erwärmung könnten sich auch in Deutschland tropische Krankheiten ausbreiten, warnt Peter Höppe, Leiter der Geo-Risiko-Forschung der Münchner Rück.

Das gilt vor allem für Infektionskrankheiten, die auf Zwischenwirte (so genannte Vektoren) wie Insekten oder Nagetiere angewiesen sind. Wenn sich die Durchschnittstemperaturen erhöhen, so die Befürchtung, könnten sie in neue Breitengrade vordringen und damit das Krankheitsspektrum auch in Deutschland verändern. Das Robert-Koch-Institut (RKI) untersucht, ob sich das West-Nil-Virus wie in den USA auch hier ausbreiten könnte.

In den Strategien der Pharmabranche spielt der Klimawandel nur mittelbar eine Rolle. Herz-Kreislauf-Medikamente sind ohnehin eines der wichtigsten Arbeits- und Forschungsgebiete. Die lange vernachlässigten Tropenkrankheiten erforschen aber in jüngerer Zeit viele Hersteller verstärkt, wenn auch nicht unbedingt in Reaktion auf den Klimawandel. „Entscheidend war vielmehr, dass man neue Wege gefunden hat, Lasten, Risiken und Rechte in diesem Bereich besser aufzuteilen“, sagt Rolf Hömke vom Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller VFA. Zu deutsch: Die betroffenen Länder waren schlicht zu arm, um ein interessanter Markt zu sein. Finanzkräftige Stiftungen wie die Gates Stiftung und neue Kooperationsmodelle („Public Private Partnerships“) haben die Lage verändert. Novartis etwa etabliert in Singapur ein Forschungsinstitut für Tropenkrankheiten. GSK konzentriert sich in seinen spanischen Laboren auf die Tuberkulose- und Malariaforschung. Bayer testet das Antibiotikum Avalox im Einsatz gegen Tuberkulose. Intercell arbeitet an einem Impfstoff gegen die japanische Encephalitis (Hirnhautenzündung).

Ob sich solche Krankheiten auch in westlichen Ländern ausbreiten könnten, bleibt umstritten. „Erwärmung alleine macht im Allgemeinen noch nicht krank“, sagt Egbert Tannich, Parasitologe am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut (BNI) für Tropenmedizin. Beispiel Malaria: Nicht nur die Verbreitung der Anopheles-Mücke spielt eine Rolle. Genauso bedeutsam ist die Zahl der Infizierten in einem Gebiet. „Solange die Gesundheitssysteme in Europa einigermaßen gut funktionieren und Infizierte rechtzeitig behandelt werden, wird die Malaria in Europa nur im Einzelfall auftreten“, sagt Tannich.

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