Medizinforschung: Sanofi-Aventis fahndet in der Ostsee nach neuen Medikamenten

Medizinforschung
Sanofi-Aventis fahndet in der Ostsee nach neuen Medikamenten

Der deutsch-französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis sucht in der Ostsee nach Mikroorganismen, die bisher unbekannte Wirkstoffe zur Verfügung stellen. Dabei wecken sogar Bakterien und Pilze, sonst Schrecken der Touristen, Hoffnungen im Kampf gegen Krebs, Schmerzen oder Kranheitserreger.

BERLIN. In der Ostsee wimmelt es nicht nur von Algen, sondern auch von Bakterien und Pilzen. Was Badegäste schaudern lässt, lockt Pharmaforscher. Denn die Mikroben produzieren unbekannte Naturstoffe, die der Schlüssel zu neuen Antibiotika und Krebsarzneien sind. Unternehmen in den USA und in Spanien haben die heilende Kraft des Meeres für sich entdeckt. Nun setzt auch das Arzneimittelunternehmen Sanofi-Aventis auf die Organismen. Das deutsch-französische Unternehmen arbeitet dabei mit dem Greifswalder Start-up Ressourcenzentrum Marine Organismen zusammen.

Um neue Wirkstoffe zu finden, nutzt Sanofi-Aventis bisher Pflanzen und eine Reihe von Mikroben aus der hauseigenen Sammlung. Lebewesen aus dem Ozean sind bislang nicht darunter. „In den Meeresmikroben könnten sehr originelle, landläufig unbekannte Substanzen stecken“, erläutert Mark Brönstrup, Leiter der Naturstoffforschung in Frankfurt, das neue Engagement. „Das Problem mit dem Meer war bisher, dass die Lebewesen sich nicht im Labor kultivieren ließen. Deshalb haben wir uns da zurückgehalten“, sagt Brönstrup.

In Korallen und Schwämmen wurden längst potente Schmerzmittel und antibiotische Stoffe entdeckt, aber sie ließen sich weder domestizieren noch züchten. An Abernten war in Anbetracht des Artenschutzes nicht zu denken. Auch die kleinen Lebewesen, die Meeresmikroben, widersetzten sich den Wissenschaftlern bis in die neunziger Jahre. Sie wollten in den Laboren nicht wachsen. Doch mittlerweile können die Forscher zumindest die Mikroorganismen in Glasgefäßen vermehren. „Das macht dieses Feld nun für uns interessant“, resümiert Brönstrup.

Im Grunde springt der Pharmahersteller auf einen Zug auf, der andernorts bereits ins Rollen geraten ist. Die Scripps Institution of Oceanography an der University of California in San Diego hat mehrere Substanzen aus dem Meer isoliert, die derzeit in klinischen Studien erprobt werden. Nereus Pharmaceuticals testet den Wirkstoff Salinosporamid. Das Amid stammt aus einem Salzwasser-Bakterium. Es wird derzeit an Probanden mit Leukämie und anderen seltenen Krebsarten getestet. Der Wirkstoff beseitigt die Tumorzellen, indem er die zelleigene Müllabfuhr, das Proteasom, blockiert.

Mit einem weiteren Fund aus dem Meer hat das spanische Unternehmen PharmaMar die Nase vorne. Hinter dem Krebspräparat Yondelis verbirgt sich der marine Wirkstoff Trabectedin. Das Medikament ist im September in der EU zugelassen worden. „Wenn das bei uns auch so gut läuft wie beim Scripps Institute, dann würden wir die Forschung in diesem Bereich sicher stark ausdehnen“, spekuliert Brönstrup. Vorerst will er allerdings abwarten.

Von den geschätzten 600 bis 6 000 marinen Pilzen ist bislang kaum bekannt, welche Naturstoffe sie ausscheiden. Je nach Fundort schwankt der Cocktail offenbar auch noch. Die Meeresbiologin Gudrun Mernitz vom Ressourcenzentrum Marine Organismen überprüft unter dem Mikroskop, ob auf ihren Fundstücken Pilze siedeln. Mit einer Nadel piekt sie die Fruchtkörper auf und holt die Sporen heraus. Dies ist die Saat, die das Greifswalder Team braucht. Aus ihnen wird mit etwas Glück eine Pilzkultur wachsen.

„Das Schwierige ist, dass das Material nie steril ist. In Null Komma Nix ist dann die Platte mit einem Schimmelpilz überzogen, den man gar nicht haben will“, klagt Mernitz. Selbst wenn die Pilze aus der Ostsee sich im Labor halten, gedeihen sie deutlich langsamer als ihre Verwandten vom Land.

Trotz der Widrigkeiten konnte das Greifswalder Start-up bereits einige Hundert Ostsee-Mikroben aufpäppeln. In zwei bis drei Jahren hoffen die Greifswalder, die ersten Kandidaten für künftige Arzneimittel in den Händen zu halten. Chancen rechnen sie sich vor allem bei Arzneien gegen Krebs, bei Antibiotika und Schmerzmitteln aus.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%