Medizinische Studien
Verwirrende Zahlenspiele

Über die gesundheitlichen Folgen des Kaffegenusses gibt es unzählige Studien – mit ebenso vielen negativen wie positiven Ergebnissen. Mal schützt er vor Leberkrebs, dann wieder soll er die Teamarbeit schwächen. Im Dschungel medizinischer Studien kann man sich heillos verlaufen. Oft werden medizinische Studien jedoch schlicht und einfach falsch interpretiert.

DÜSSELDORF. Kaffee schützt vor Leberkrebs. Das besagt zumindest eine aktuelle italienische Studie. Gleichzeitig wollen französische Forscher herausgefunden haben, dass Kaffee auch das Gedächtnis älterer Frauen stärkt. Doch eine weitere Studie zeigt, dass Kaffee die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Kollegen schwächt. Natürlich gibt es auch eine Studie über Kaffee als angebliches Aphrodisiakum. Im Dschungel medizinischer Studien kann man sich heillos verlaufen.

Die wissenschaftliche Disziplin, die diesen Dschungel erzeugt, heißt Epidemiologie. Sie beschäftigt sich mit den Ursachen, Folgen und der Verbreitung von gesundheitsbezogenen Zuständen und Ereignissen in der Bevölkerung. Epidemiologen untersuchen die Faktoren, die zu Gesundheit und Krankheit von Individuen und Populationen beitragen. Sie ist deshalb die Basis aller Maßnahmen im Interesse der Volksgesundheit. Epidemiologen decken Zusammenhänge auf, die das Verhalten der Menschen grundlegend verändern, etwa dass Tabakrauch, Asbest und radioaktive Strahlung aus Atomversuchen Krebs auslösen.

Es gibt zahlreiche Wege, um zu statistischen Ergebnissen zu kommen. Das fängt schon bei der Auswahl der Versuchspersonen an. „Ein typischer Fehler in der Versuchsplanung ist, dass man Studien mit zu wenig Patienten macht und die Untersuchungen daher nicht die entsprechende sogenannte Power haben“, sagt Josef Högel, Biometriker am Institut für Humangenetik der Universität Ulm. Auch gelten die Ergebnisse nur für Personen, die den in der Studie beschriebenen Einschlusskriterien entsprechen. Man kann die Wirksamkeit eines Migränemittels, das an 15- bis 20-jährigen Frauen erprobt wurde, nicht einfach auf 60- bis 80-jährige Männer übertragen.

„Widersprüche kommen häufig dadurch zustande“, sagt Högel, „dass bei epidemiologischen Studien sehr umfangreiche Daten erhoben werden. Da werden Bögen mit Hunderten von Fragen fabriziert. Bei der Auswertung von allen möglichen Dingen erscheinen dann immer auch Zusammenhänge, die sich zufällig aus den Zahlen ergeben.“ Das erschwert die Interpretation, denn nicht jeder gute Arzt ist auch ein guter Statistiker.

„Viel Verwirrung wird mit Angaben in Prozent gestiftet“, sagt Högel und erläutert das an einem Beispiel: „Aussage eines Pharmaherstellers: Medikament X reduziert das Auftreten von Schlaganfällen um 34 Prozent (bei gewissen Hochrisikopatienten). Wie ist das zu verstehen? Dazu muss man wissen, dass dieser Aussage ein Vergleich zwischen einer Gruppe von mit Medikament X behandelten Patienten und einer (nicht mit X behandelten) Kontrollgruppe zugrunde liegt. In der Gruppe mit X traten bei 21,9 Prozent der Patienten Schlaganfälle auf, in der Kontrollgruppe waren es 33,3 Prozent, ein Unterschied von 11,4 Prozentpunkten also. Bezieht man diesen Unterschied auf die Häufigkeit in der Kontrollgruppe (also 11,4/33,3 = 0,34) so erhält man die erwähnten 34 Prozent.

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