Mehrdeutige Wörter
Warum der Computer uns noch nicht versteht

Wörter sind wie „ein Nebel vor deinen Augen“, sagte der englische Philosoph John Locke. Ein Nebel, der die klare Sicht auf die Dinge verschleiert und die Wahrheit verklärt. Stuttgarter Forscher wollen diesen Nebelschleier lüften. Sie erforschen mehrdeutige Wörter. Mithilfe ihrer Erkenntnisse sollen Maschinen sprechen lernen.

DÜSSELDORF. Doppeldeutigkeiten, „ambiguities“, liegen im Wesen der Sprache begründet, denn jeder Mensch hat seine eigenen Gedanken und Ausdrucksmöglichkeiten, spricht in seinem ihm eigenen Tonfall. Gerade in ihrem Deutungsreichtum zeigt sich aber auch die Schönheit einer Sprache.

Man muss nicht besonders bibelfest sein, um den Satz „The spirit is willing, but the flesh is weak“ mit „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ zu übersetzen. Wird der Vers jedoch direkt ins Russische übertragen, heißt es plötzlich: „Der Wodka ist gut, aber das Fleisch ist verdorben“. Aber nicht nur zwischen zwei verschiedenen Sprachen, sondern auch innerhalb ein und derselben Sprache bleibt immer ein kleiner Rest von Nicht-Verstehen.

Artemis Alexiadou will diesen Schleier lüften. „Inkrementielle Spezifikation im Kontext“ lautet der sperrige Titel des Sonderforschungsbereiches 732, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Universität Stuttgart eingerichtet hat. Alexiadou und ihre Mitstreiter entschlüsseln die Mechanismen, mit denen Doppeldeutigkeiten kontrolliert und aufgelöst werden können. Sprachliche Ambiguität ist die Folge von „Unterspezifikation“, sagt die aus Griechenland stammende Anglistin. Um nicht in die Fallen von Homonymen oder Polysemen zu geraten, müssen wir Mehrdeutigkeiten im Kontext analysieren und dadurch eindeutig machen.

Ein Homonym ist ein historischer Sprachunfall: Zwei völlig gleich lautende Worte, deren Bedeutungen nicht das Geringste miteinander zu tun haben, wie der „Hahn“ auf dem Misthaufen und der „Hahn“ am Waschbecken. Ein Polysem hingegen ist ein Wort, dem mehrere, immerhin miteinander verwandte Lesarten innewohnen. Eine „Absperrung“ beispielsweise bezeichnet sowohl den Zustand einer abgesperrten Straße als auch den hölzernen Zaun, der die Straße für die Durchfahrt sperrt. Die Stuttgarter Forscher betonen, wie eng der Kontext mit der Bedeutung verflochten ist.

Homonyme machen es uns ein bisschen leichter als Polyseme: Einen Gockel, der kräht, finden wir mit Sicherheit in einem völlig anderen Kontext als den, aus dem das Badewasser sprudelt. Doch auch den eigentlichen Sinn einer Absperrung können wir aus dem Satzbau ableiten. Zudem verfügen wir über ein allgemeines Wissen, das wir uns zeit unseres Lebens aneignen. Dieses „Weltwissen“, wie Alexiadou es nennt, und die Gesetze der Grammatik helfen uns ebenso wie die Betonung bei der Entscheidung für die eine oder andere Bedeutung.

Was wir ständig unbewusst tun, nämlich mehrdeutige Zeichen eindeutig machen, ist für die elektronische Sprachverarbeitung ein großes Problem. Und das wollen die Stuttgarter knacken. Mit Hilfe ihrer auf die Computerlinguistik übertragenen Erkenntnisse sollen Maschinen so programmiert werden, dass sie interaktiv kommunizieren können. Die theoretischen Linguisten arbeiten deshalb eng mit Computerlinguisten des Instituts für maschinelle Sprachverarbeitung (IMS) zusammen.

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