Mentalitätsgeschichte
Warum die Deutschen reisen

Erst Anfang der 60er wurde Reisen in Deutschland zu einer Massenbewegung. Anders als in England, Amerika oder den Niederlanden suchte man hier zu Lande lange Zeit nicht nach den Motiven dieser Entwicklung. Nun erforschen Kulturwissenschaftler die Mentalitätsgeschichte des Tourismus.

BERLIN. Der Deutsche hatte ein Spezialpaket für Abenteuerreisende gebucht: einen Überfall im New Yorker Central Park - Raub und Prügelorgie inklusive. Alles nur erfunden: Erbarmungslos karikiert der amerikanische Autor Michael Cunningham in seinem Roman "Helle Tage" die Jagd der Touristikbranche nach immer neuen Trends. Wer weiß, ob die Satire nicht bald von der Wirklichkeit übertroffen wird? Seit das Reisen zur Ware wurde, überschlägt sich die Branche Saison für Saison mit Angeboten, differenziert die Urlaubsformen mehr und mehr: Wellness- oder Wohlfühlurlaub, Ökotourismus, Erlebnisreisen, Abtauchen in künstliche Paradiese oder Luxusresorts in exotischen Destinationen.

Gleich geblieben sind seit der Entstehung des Tourismus jedoch die Motive, die der Massenbewegung zu Grunde liegen. Der dies behauptet, ist Kulturwissenschaftler und einer der wenigen Forscher in Deutschland, die sich mit den geisteswissenschaftlichen Bedingungen von Tourismus beschäftigen. Hasso Spode vom Willy-Scharnow-Institut für Tourismus an der Freien Universität (FU) Berlin erforscht, seit wann und weshalb die jährliche Urlaubsreise zum selbstverständlichen Teil unseres Lebens wurde.

"Der romantische Impuls ist seit jeher die treibende Kraft im Tourismus", sagt der Historiker und Soziologe. Mehr als Seelen- denn als Bildungs- und Kulturreisende und scheinbar absichtslos unterwegs waren die Romantiker seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Sie wollten auf ihren Wanderungen "Freiheitsluft" schnuppern und die Zwänge der Ständegesellschaft hinter sich lassen. Damals entstanden auch die verklärten Vorstellungen davon, wie ein Sehnsuchtsland auszusehen hat. Bis heute greift das Tourismusgewerbe in seinen Erlebniswelten auf diese Bilder zurück.

"Die Branche ist geschichtsvergessen", behauptet der Tourismus-Historiker Spode. Hier zu Lande reflektiere sie selbst kaum darüber, warum Reisen zu einer Massenbewegung geworden ist - anders als in England, Amerika oder den Niederlanden. So gibt es kein Museum, das sich ausschließlich mit dem Thema Urlaub und Reisen beschäftigt, und auch dem von Spode geleiteten historischen Archiv für Tourismusforschung an der FU Berlin fehlen die Mittel.

Der hektischen Suche nach immer neuen Reisetrends stehen die Ergebnisse der historischen Tourismusforschung gegenüber, die Konstanz in der Mentalität der Reisenden belegen. Die heute dominierenden Motive der Reiselust haben sich bereits seit dem 18. Jahrhundert ausgebildet, lange bevor der Tourismus in Deutschland im Kaiserreich zu wirtschaftlicher Größe gedieh.

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