Metallisches Glas
Die absolute Härte

Metallisches Glas hält viel aus und ist leicht zu verarbeiten. Die Firma Megalloys will dem High-Tech-Material nun zum Durchbruch verhelfen. Ein 27-Jähriger ist für das Marketing zuständig - und ist überzeugt, einen Kassenschlager auf den Markt zu bringen.

DÜSSELDORF. Mit grauer Theorie kann man Christian Eichhorn jagen. Als der Wirtschaftsingenieur nach seinem Abschluss als wissenschaftlicher Assistent arbeitete, hielt er es nicht lange aus auf seinem Stuhl an der TU Dresden. Aufsätze für Fachmagazine zu schreiben, das reichte ihm nicht. Eine Geschäftsidee musste her. Eichhorn klopfte an bei den Gründungsberatern von "Dresden exists".

Der erste Kontakt erweist sich als Volltreffer: Die Vermittler schicken Eichhorn zu einem Forscherteam am Dresdner Leibniz-Institut für Feststoff- und Werkstoffforschung (IFW). Die hantieren mit einem neuen Wundermaterial - einer Art Metall im Glaspelz. Nach zehn Minuten ist Eichhorn klar: Hier wartet seine Chance. "Mensch, das ist doch zum Erfolg verdammt!", platzt er heraus. Der unbekümmerte Auftritt des schlaksigen Jungspunds mit dem gegelten Haar überzeugt die Wissenschaftler, die einen Vermarkter suchen. Eichhorn soll die Marketingstrategie für das Projekt namens Megalloys entwickeln. Ohne lange zu überlegen, kündigt er den ungeliebten Uni-Job und knickt seinen Promotionsplan.

Eichhorn hat seinen Entschluss in den vergangenen zwei Jahren nicht einmal bereut. Mehr denn je ist der 27-Jährige überzeugt, dass Megalloys das Zeug hat, einen Kassenschlager auf den Markt zu bringen. Die Firma will metallische Gläser herstellen, härter als Titan und so leicht zu verarbeiten wie Kunststoff. "Ich habe Hunderte von Ideen, wo metallische Gläser zum Einsatz kommen könnten", sagt Eichhorn. Emsig knüpft er Kontakte zur Industrie: Hersteller von Schmuck, Sportgeräten oder verschleißanfälligen Maschinenteilen wie Zahnrädern stehen auf seiner Liste. "Mich fasziniert die Vermittlung zwischen Wirtschaft und Technik", bekennt Eichhorn. Nun ist Überzeugungskraft gefragt.

Zwar ist die Materialklasse der metallischen Gläser bereits in den 1930er-Jahren entwickelt worden. Doch das Problem ist bislang, dass die Ausbeute bei der komplizierten Produktion recht gering ist. "Es gibt weltweit nur eine Handvoll Firmen, die metallische Gläser überhaupt herstellen können", sagt Jürgen Eckert, Direktor des Instituts für Komplexe Materialien am IFW und Geschäftspartner von Eichhorn. Der Durchbruch blieb dem Material bislang verwehrt. So ist die mit großer Hoffnung gestartete US-Firma Liquidmetal inzwischen zum Pennystock verkommen. Sie rüstet Golfschläger, Skier oder Tennisschlager mit dem Wunderstoff aus.

Megalloys will es besser machen als die Konkurrenz. Und wenn einer das nötige Know-how besitzt, dann Eckert. Zurückhaltend gibt sich der 46-Jährige. Er bremst sogar Eichhorn ein wenig, wenn der von "revolutionären Eigenschaften" des Materials spricht. "Das ist mir dann doch etwas zu dick", sagt Eckert, auch wenn er ebenfalls "sehr großes Potenzial" sieht. Die Chancen möchte er zusammen mit seinem rührigen Kompagnon ergreifen.

Auf Eckerts Schreibtisch türmen sich Zeitschriften und Veröffentlichungen, die Wände sind von prallen Aktenordnern verdeckt. Nur kurz hielt er es nach dem Studium in der Industrie aus. Weil die tägliche Routine seine Neugier bremste, zog sich Eckert wieder ins Uni-Labor zurück. Seit fast zwei Jahrzehnten forscht er inzwischen schon in Sachen metallische Gläser.

Jürgen Eckert war sogar zugegen, als bahnbrechende Arbeiten über das neue Material gelangen. Ein Wissenschaftler im kalifornischen Pasadena erfand Anfang der 90er-Jahre eine Methode, mit der erstmals auch dickere Brocken daraus hergestellt werden konnten. Eckert hatte sein Doktorandenbüro nur zwei Türen weiter. "Ein Geburtshelfer war ich aber nicht", wehrt der 46-Jährige ab. Doch als er 1993 nach dem Abstecher in der freien Wirtschaft den Posten am neu gegründeten IFW in Dresden angeboten bekam, sah er die Chance, sich dem Thema mit frischer Energie zu widmen.

Als größte Hürde auf dem Weg zum Traumjob erwies sich ausgerechnet die Freundin. Die habe sich wochenlang gegen den Umzug nach Sachsen gesträubt, erinnert sich Eckert an die wilde Nachwendezeit. "Als nichts mehr half, habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht." Heute könne sich keiner der beiden mehr vorstellen, aus Dresden wegzuziehen. Der Gang in den Osten hat sich gelohnt: Preise hat Eckert schon reihenweise für seine Arbeiten bekommen, weltweit hielt er über 500 Vorträge zum Thema. Und er hat elf Patente, die nun helfen sollen, metallischen Gläsern zum Durchbruch zu verhelfen.

Den Wert dieses Wissens kennt Eckert genau. "Der Markt ist aufnahmefähig", sagt er. Doch die Vermarktung ist seine Sache nicht. Marketing-Experte Eichhorn dagegen hat schon den Plan, wie metallische Gläser an den Mann gebracht werden können. "Beim Schmuck sind die Markteintrittsbarrieren am geringsten, weil hier der Preis ein Indikator für Qualität ist", doziert er in unverkennbarem BWLer-Sprech. Wenn der Einstieg gelingt, solle das auch potenzielle Kunden in der Feinmechanik oder in der Sensortechnik von dem neuen Material überzeugen.

Während Eichhorn die Strategie darlegt, lehnt sich Eckert zurück, nickt zustimmend. Sichtlich froh, dass er sich darum nicht kümmern muss. Auch innerhalb der Firma Megalloys, die im Herbst gegründet werden soll, will sich Eckert auf die Forschung konzentrieren.

Die Geschäftsführung muss also jemand anders übernehmen. Auf die Frage, ob er dafür in Frage kommt, zögert Christian Eichhorn. Zum ersten Mal. "Manche sagen, ich soll es machen." Doch er frage sich mitunter, ob er nicht zu jung sei, um die Firma angemessen zu repräsentieren.

Zweifel hin oder her: Verantwortung übernehmen will er bei Megalloys auf jeden Fall. "Die Logistik zu steuern, fände ich reizvoll", sagt Eichhorn. Dabei könnte sich die graue Theorie doch noch als nützlich erweisen. Denn auf das Thema hat er sich während der Zeit an der Uni spezialisiert.

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