Militärgeschichte
Am Anfang stand die Gewalt

Der Zweite Weltkrieg nimmt für Historiker kein Ende. Eine Potsdamer Tagung zeigt Perspektiven der Militärgeschichte auf. Ein Fazit: Die bislang in Deutschland verpönte Untersuchung der militärischen Operationen könnte vor einer Wiederentdeckung stehen.

POTSDAM. Kann man nach Tausenden von Büchern, Aufsätzen, Artikeln und TV-Dokus noch neue und interessante Erkenntnisse über den Zweiten Weltkrieg erwarten? Auf einer Tagung des "Deutschen Komitees für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges" am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Potsdam bejahte der Freiburger Historiker Ulrich Herbert die selbst gestellte Frage, ob sich die Zeitgeschichtsforschung von der Weltkriegsepoche verabschiede.

Studien zur Wehrmacht stießen nicht mehr auf größeres Interesse, der wissenschaftliche Nachwuchs beschäftige sich lieber mit anderen Themen wie der Globalgeschichte oder, etwas bodenständiger, den Wirtschaftskrisen der 1970er-Jahre. Nach den großen Schüben in den 1960er- und 1990er-Jahren fehle nun auch das moralische Empörungspotenzial bei der Beschäftigung mit der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg. Einen Grund hierfür sieht Herbert im Aussterben der Zeitzeugen. Die Konkurrenz, ja der Kampf zwischen Zeitzeugen und Historikern ("Der Zeitzeuge ist der Feind des Historikers"), wie zuletzt bei den Wehrmachtsausstellungen, entfällt somit.

Herbert, der sich vor allem mit Arbeiten über die NS-Verbrechen einen Namen machte, sieht dies sogar positiv. So führe der Verlust der schon ins Absurde gesteigerten Sonderstellung der NS-Zeit dazu, nun eigene Moralstandards zu definieren, anstatt sich nur in Abgrenzung vom Dritten Reich zu positionieren. Der Zweite Weltkrieg sei, so Herbert, nicht mehr Gegenstand der Zeitgeschichte, sondern ein Bestandteil der allgemeinen Geschichte.

Herberts Kollegen dementierten durch ihre Vorträge diese Perspektive. Noch längst wissen wir nicht alles über den Krieg. Der Berliner Osteuropahistoriker Jörg Baberowski thematisierte den blinden Fleck der Historiker beider Weltkriege, nämlich die merkwürdige Ausblendung der deutschen Kriegsgegner im Osten. Das liegt nicht nur an den fehlenden Sprachkenntnissen, sondern auch an der von Baberowski allzu pessimistisch beschriebenen Archivlage der ehemaligen Sowjetunion und der dort noch waltenden Geschichtsauffassung vom "Großen Vaterländischen Krieg". Aber auch an der Scheu, die Repressalien der Wehrmacht gegen vermeintliche oder tatsächliche Partisanen im Kontext eines "gewalttätigen Dialoges" (Baberowski) zu sehen. Im Klartext: Der Ostkrieg 1941-45 war nach Baberowski nicht die Exekution einer Ideologie, sondern ein Experimentierfeld von Deutschen und Sowjets. Beide mussten in einem staatsfernen Raum auf die jeweilige Gewalt des anderen antworten. Am Anfang habe die Gewalt gestanden, erst im Nachhinein wurde diese mit ideologischen Rationalisierungen gerechtfertigt, die der Gewalt einen anderen Sinn gegeben hätten.

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