Moderner Unterricht
Forschen statt pauken

Deutschland, dem Land der Erfinder, gehen die Physiker und Ingenieure aus. Allein 48 000 Ingenieursstellen sind vergangenes Jahr mangels geeigneter Bewerber unbesetzt geblieben. Dabei wäre es mit modernem Unterricht einfach, wieder mehr Jugendliche für Natur und Technik zu begeistern.
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DÜSSELDORF. Der Lehrer ist gerade in einen Nebenraum entschwunden, um einen neuen Kursus vorzubereiten, dennoch sind die 15 Schüler der 12. Klasse auch gegen Ende der Doppelstunde noch voll konzentriert bei der Sache. Sie haben am Bochumer Heinrich-von-Kleist-Gymnasium den Grundkurs Technikunterricht belegt. Harte Bässe wummern aus den Lautsprechern, aufgeteilt in kleine Gruppen messen die 17- bis 19-Jährigen, in der Mehrzahl Mädchen, den Wirkungsgrad ihrer selbst konstruierten Solar-Wasserstoff-Systeme. Anhand der Daten sollen sie in den folgenden Unterrichtsstunden herausfinden, wie sich deren Effizienz noch steigern lässt. Das eigenverantwortliche Lernen fördert augenscheinlich Disziplin und Eifer. Lehrer Klaus Trimborn ist jedenfalls zufrieden: " Ich brauche so gut wie nie den Antreiber zu spielen."

Kursteilnehmer Dennis Quast hat dafür eine einfache Erklärung: "Es spornt unwahrscheinlich an, dass wir selbst experimentieren können und nicht nur Lehrstoff über uns ergehen lassen müssen."

Es ist selten genug, dass Schüler in Deutschland so viel Spaß an Naturwissenschaften und Technik haben. Theorielastiger und alltagsferner Frontalunterricht, bei dem vor allem Formeln eingebläut werden, "machen Physik und Chemie zu regelrechten Hassfächern", bedauert Wilfried Huber, Direktor des Zentralinstituts für Lehrerbildung und Lehrerfortbildung an der Technischen Universität (TU) München. Die Folge: Die Fächer werden so früh wie möglich abgewählt. Technikunterricht bieten ohnehin nur wenige Schulen an - in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel nur 39 von 830 Gymnasien und Gesamtschulen.

Schlimmer noch: Im Pisa-Test 2003, einem internationalen Vergleich von Schulleistungen, schnitten deutsche Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften nur mittelmäßig ab, weit abgeschlagen hinter Ländern wie Finnland, Japan, Südkorea und Kanada. Manfred Prenzel, Leiter des deutschen Teils der Studie, findet das Ergebnis alarmierend: "Das Kompetenzniveau gibt Anlass zur Sorge über die Zukunfts- und Konkurrenzfähigkeit der Schule in Deutschland."

Die Misere setzt sich an den Hochschulen fort. Gemessen am Bedarf von Industrie und Wissenschaft wagen sich viel zu wenige Abiturienten an ein Studium von Informatik, Maschinenbau, Physik und Biologie. Die Nachwuchslücke wird rapide größer - und bedroht zusehends die Innovationskraft des Landes. "Die wirtschaftliche und wissenschaftliche Bedeutung Deutschlands ist gefährdet, wenn es uns nicht gelingt, mehr junge Menschen für technische und naturwissenschaftliche Studienfächer zu begeistern", warnt Edwin Kreuzer, Präsident der TU Hamburg-Harburg. Joachim Milberg, Präsident der Innovations-Akademie Acatech, ergänzt: "Wir laufen in den nächsten Jahren auf ein großes Nachwuchsproblem zu."

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