Multifunktionsmaschinen
Auf dem Weg zur Eier legenden Wollmilchsau

Sie drehen, bohren, fräsen, schleifen, verzahnen - der neuen Generation von Hybridmaschinen ist nichts zuviel. Die Hightech-Geräte erledigen das alles in einem Arbeitsgang, eine Kombinationsmaschine schafft heute soviel wie fünf einzelne zusammengenommen. Doch die in der Krise gefragten Alleskönner haben auch ihre Grenzen.
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WERTHER. "Multifunktion hat in erster Linie eine Berechtigung bei kleinen bis mittleren Stückzahlen von einigen tausend im Jahr", sagt Kristian Arntz, Leiter Oberingenieurbereich Lasermaterialbearbeitung am Fraunhofer für Produktionstechnologie-Institut IPT. Denn die Multifunktionsmaschinen können immer nur einen Auftrag nach dem anderen abarbeiten, Stück für Stück. Das dauert seine Zeit.

Der große Vorteil von Multifunktionsmaschinen liegt zeitlich vor dem eigentlichen Herstellungsprozess: Weil das Werkstück in nur einer einzigen Aufspannung bearbeitet werden kann, verkürzen sich die Rüstzeiten. Werkzeugmaschinen arbeiten in der Großserie tatsächlich nur bis zu 40 Prozent der Betriebszeit. 60 Prozent entfallen auf Warte- oder Rüstzustände, bei voller Grundlast, das heißt, die Maschine bleibt auch während Wartezeiten hochgefahren und steht voll unter Strom. Bei Kleinserien arbeiten die Maschinen sogar nur bis zu 15 Prozent ihrer Betriebszeit.

Beim Umspannen der Werkstücke leidet aber nicht nur die Umwelt, sondern auch die Präzision. Denn mit jedem Umspannvorgang nehmen die Ungenauigkeiten zu. Hier können Multifunktionsmaschinen ebenfalls punkten: weil sie nur mit einer Aufspannung arbeiten, kommen auch keine Umspannungsfehler vor. Daher sind sie für Präzisionsarbeiten prädestiniert. Zum Beispiel in der Automobilindustrie. Die Hersteller benötigen immer genauere Komponenten, denn bei den neuen energieeffizienten Motoren, sind die Toleranzen sehr gering. Überhaupt geht der Trend zur effizienteren Nutzung von Material und Energie, was unter anderem durch die gezielte Vermeidung von Verschwendung im Sinne einer "Null-Fehler-Fertigung" realisiert werden kann. Gerade so lassen sich weitere Produktivitätssteigerungen erzielen. Experte Arntz sieht die Zukunft von Multifunktionsmaschinen in der Integration von weiteren Bearbeitungsschritten: "Oberflächenbehandlungen und Füge-Operationen über Laser sind in der Anwendung denkbar und für kleine Stückzahlen sinnvoll."

Der Trend zur Multifunktion hat mittlerweile fast den gesamten Werkzeugmaschinenbereich erreicht - auch die Lasertechnik. "Immer mehr Unternehmen wollen eine Maschine, die mehr kann", bestätigt Holger Hasse, Geschäftsführer der Eurolaser GmbH. Ganz neu ist die Erfindung der Hybridmaschinen freilich nicht. Die ersten Multifunktionsmaschinen wurden bereits Ende der 90er Jahre vorgestellt. Damals herrschte Rezession, und mit neuen Maschinenkonzepten sollte der Absatz angekurbelt werden. Der Boom der nachfolgenden Jahre machte den Konstrukteuren einen Strich durch die Rechnung. Um mit der Produktion nachzukommen, hatten die Unternehmen ihre Maschinenlaufzeiten verlängert. Beim Maschinenbauer Eurolaser zieht das Geschäft wieder an: "Die jetzige Neuorientierung nach der Krise und der Anstieg der Kosten zwingt die Unternehmen nun dazu, den längst fälligen Technologiewechsel nachzuholen", sagt Hasse. Egal ob für Kleinserie oder in der Großproduktion - die Unternehmen wünschten sich Maschinen, die für unterschiedliche Arbeiten zu gebrauchen sind. Diese "Alleskönner" seien momentan vor allem im heimischen Markt gefragt wie nie zuvor.

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