Nach den Anschlägen vom 11. September
Die Grenzen der Terror-Forschung

Der 11. September 2001 war ein Superlativ ohne Präzedens, der die bis dato gültigen Erkenntnisse der Terrorismusforschung in Frage stellte. Dies gilt in vierfacher Hinsicht. Doch seit den Anschlägen in New York kämpfen die Wissenschaftler auch mit methodischen Problemen, Falschmeldungen und Dramatisierungen.

BERLIN. Zum ersten die destruktive Dimension: Nie zuvor hatte ein Terroranschlag mehr Tote gefordert und größere ökonomische Schäden angerichtet. Zweitens die mediale Dimension: Erstmals gab es von einem Anschlag Live-Bilder, die weltweite Schockwellen auslösten. Dann die operative Dimension: Planung, Umfang und die simultane Ausführung der Operation deuteten auf wachsende Fähigkeiten terroristischer Akteure hin. Und schließlich die weltpolitische Dimension: Es handelte sich erstmals um einen erfolgreichen, von außen geplanten Anschlag auf die Weltmacht Nummer eins.

Der transnationale Terrorismus vom Typ El Kaida verbindet lokale und internationale Aspekte miteinander - das lässt sich an seiner Operationsweise, seinen Zielsetzungen, seiner Ideologie, seiner Netzwerk- und Mitgliederstruktur sowie an seinem infrastrukturellen Unterbau nachweisen. Trotz solcher Erkenntnisse gestaltet sich die wissenschaftliche Erforschung dieses relativ neuen Phänomens nicht einfach. Denn mehr noch als bei anderen Gewaltakteuren sind bei Terrorgruppen der empirischen Forschung Grenzen gesetzt.

Die Probleme fangen mit dem Gegenstand an: Eine etablierte, konsensfähige Definition von Terrorismus gibt es nicht, was in der Sozialwissenschaft allerdings nicht ungewöhnlich ist. Es sind aber durchaus dichte Beschreibungen und typologische Abgrenzungen zu anderen Formen politisch motivierter Gewalt möglich, die zumindest deutlich machen, was Terrorismus im Verhältnis zu anderen Gewaltformen ist und was nicht - dieser Weg wird auch in der Literatur vielfach beschritten.

Neben diesen begrifflich-analytischen Unschärfen, die noch handhabbar sind, gibt es eine Reihe von methodischen Schwierigkeiten: Ein Spezifikum von Terrorgruppen ist, dass sie verdeckt aus dem Untergrund agieren. Bestimmte wissenschaftliche Standardmethoden sind insofern nur begrenzt anwendbar - wie z.B. die Durchführung von Interviews, der Einsatz standardisierter Fragebögen, teilnehmende Beobachtung oder andere Formen der Feldforschung. Zwar gibt es Studien, die sich weitgehend auf Interviews mit Beteiligten und Beobachtern stützen. Dabei handelt es sich aber zumeist um "politische" bzw. "geistliche" Führer, die sich selbst in der Regel nicht als Terroristen bezeichnen, sondern den Habitus des "Politikers" bzw. "Gelehrten" einnehmen.

In anderen Fällen war es auch möglich, Interviews mit inhaftierten Terroristen durchzuführen. Doch diese Methode hat ihre Grenzen: Zum einen besteht die Gefahr, dass die Befragten das Interview nutzen, um ihre Weltsicht und Propaganda zu verbreiten; zum anderen ist offenkundig, dass der Forscher keinen Zugang zu den sensiblen Bereichen einer Terrororganisation erhält, schon gar zu ihren operativen Köpfen.

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