Nachgefragt: Stock: „Wir müssen in der EU Exzellenz fördern“

Nachgefragt
Stock: „Wir müssen in der EU Exzellenz fördern“

Das Handelsblatt spricht mit Günter Stock über die Forschungsförderung der EU. Stock ist Professor für Physiologie und Forschungsvorstand der Schering AG.

Handelsblatt: Die EU will drei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung ausgeben. Reicht das?

Stock: Die drei Prozent sind das Minimum, denn wir konkurrieren ja mit Staaten wie den USA, wo die absoluten Forschungsausgaben deutlich höher sind. Ein Großteil der EU-Mittel geht noch in die Strukturpolitik – für die wirklich innovative Wissenschaft bleibt da nur ein kleines Tortenstückchen. Hier muss man umsteuern.

Wie soll das geschehen?

Wir müssen transparent und unbürokratisch wissenschaftliche Exzellenz fördern. Ich denke dabei etwa an eine Einrichtung wie das Europäische Molekularbiologische Laboratorium in Heidelberg. Es ist schade, dass wir so etwas in Europa nicht häufiger haben. Ich würde auch empfehlen, über eine Forschungsagentur europäische Mittel für exzellente Forschung im Wettbewerb zur Verfügung zu stellen.

Ist hier die Politik gefragt?

Ich glaube, solche Exzellenzzentren kann man nicht am Grünen Tisch planen. Die Politik muss schauen, wo bereits hohe wissenschaftliche Qualität vorhanden ist, und dann gezielt Fördermittel dorthin lenken.

Kann Europa von den USA lernen?

Ich schaue ein bisschen mit Neid auf die Gegend um Boston oder Stanford. Dort gibt es eine sehr aktive Clusterpolitik: Um exzellente Universitäten herum sind andere Forschungseinrichtungen, Start-up-Firmen und Industrielabors aufgebaut worden. Ich beobachte aber auch Singapur, Tokio und Kobe in Japan oder Melbourne sehr aufmerksam.

Droht Europa also der Braindrain?

Ich mag das Wort Braindrain nicht, weil es von der Fiktion ausgeht, dass man gute Forscher an einem Ort festhalten kann und muss. Der entscheidende Punkt ist, dass mindestens so viele Forscher herkommen wie weggehen. Wissenschaft ist international, und wir haben einen weltweiten Wettlauf um die besten Köpfe. Da möchte ich uns in Europa besser positioniert sehen.

Was halten Sie von Steuererleichterungen für Firmen, die stark in Forschung investieren?

Wir sind im Vergleich zu anderen Ländern steuerlich schlechter dran. Dadurch ist der Spielraum, in die Forschung zu investieren, begrenzter, weil wir ja auch den Aktionären verpflichtet sind. Eine direkte Forschungsunterstützung sehe ich skeptisch. Wir müssen vor allem den Freiraum für Unternehmer insgesamt erhöhen, dann bin ich überzeugt, dass Firmen ihr Geld automatisch in die richtige Richtung – nämlich in die Forschung – lenken.

Ein EU-Patent scheitert vor allem an der Frage, in welchen Sprachen es abgefasst werden soll . . .

Die Infrastrukturkosten für unser tägliches Geschäft werden jeden Tag teurer. Es ist deshalb schon ein Unterschied, ob ich ein Patent in fünf oder sechs oder sieben Sprachen vorlegen muss. Fakt ist, dass die Weltsprache der Wissenschaft heute sowieso Englisch ist – und ich eine zügige Lösung sehr begrüßen würde.

Die Fragen stellte Frank Specht.

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