Nahrungsmittelindustrie
Fast wie richtiger Käse

Wo Käse draufsteht, ist auch Käse drin: Das stimmt nicht mehr so ganz. Die Nahrungsmittelindustrie produziert längst günstigere Ersatzstoffe. Natürliche Aromen verleihen dem Billigprodukt den Geschmack nach Edamer oder Mozzarella. Hersteller preisen die Vorteile des Ersatz-Käses.
  • 0

BERLIN. Die gelbe Kruste auf den Brötchen sieht aus wie Käse, schmeckt wie solcher und ist doch keiner. "Analogkäse" nennt sich das täuschend echte Imitat auf Basis von Pflanzenfett. Die Produktion des Käseersatzes boomt. Vor allem Länder im Nahen Osten, in denen es wenig Milch gibt, verlangen nach der weißen Masse in Blöcken oder fein gerieben. In Osteuropa verwenden Gastronomiebetriebe den pflanzlichen Ersatz. Aber auch in Deutschland verdrängt er echten Edamer, Mozzarella und Cheddar auf Pizzen, in Käsekuchen und auf überbackenen Käselaugenstangen.

Während Käse wochenlang reifen muss, wird Analogkäse aus Pflanzenfett, Milcheiweiß, Stärke, Schmelzsalzen und Käsearomen fix zusammengerührt. Und er ist billiger: Reines Milchfett koste etwa drei Euro je Kilogramm; Pflanzenfett bekäme man schon für 80 Cent, kalkuliert man beim Analogkäse-Hersteller Meggle.

Meggle-Sprecher Heinz Brüller sieht weitere Vorteile: "Das Produkt verändert im Laufe der Zeit nicht den Geschmack wie echter Käse. Es wird beim Backen nicht braun. Pizzen können deshalb bei 400 Grad Celsius schneller gebacken werden." Obwohl der Milchpreis eingebrochen ist, erwartet er, dass der Markt für Analogkäse weiter wachsen wird.

Die Kunden erfahren oft nicht, dass die vermeintliche Käsekruste Attrappe ist: "Das ist eine Täuschung des Verbrauchers", wettert Hasan Taschan, Lebensmittelanalytiker am Hessischen Landeslabor in Kassel. Nach dem deutschen Lebensmittelrecht darf nur "Käse" heißen, was auch Käse ist. Pflanzliche Imitate sind es jedenfalls nicht. Sie dürfen nicht mit Sortennamen wie etwa "Gouda" deklariert werden. Dies gilt als irreführende Kennzeichnung.

Daran halten sich allerdings nicht alle Händler. Würden Mischprodukte beispielsweise als "geriebener Käse mit Käseersatz" ausgewiesen, wären die Behörden einverstanden. Ähnlich müssten Pizzen mit dem Hinweis "mit Mozzarellaersatz" verkauft werden.

Nicht nur Molkereien, auch Anlagenbauer profitieren von dem Boom. Stephan Machinery in Hameln liefert mehr und mehr Geräte zur Erzeugung des unechten Käses. "Wir sind von der Wirtschaftskrise nicht betroffen. Die starke Nachfrage vor allem aus dem mittleren und nahen Osten ist ungebrochen", sagt Geschäftsführer Theo Brandes.

Im vergangenen Jahr ist auch Aromaspezialist Jeneil Bioproducts im bayerischen Schechen auf den Zug aufgesprungen. Spezialisiert auf die Erzeugung natürlicher Käsearomen witterte Chef Ulrich Wiedemann seine Chance, dem neutral schmeckenden Analogkäse eine Gouda- oder Gorgonzolanote zu verleihen. Sein Unternehmen berät jetzt Kunden, die Käseimitate produzieren und liefert ihnen die Geschmackskomponenten dazu. Als Pulver oder Paste vertreibt Jeneil Bioproducts das Konzentrat in den Geschmacksrichtungen Roquefort, Gorgonzola, Cheddar, Parmesan, Fetakäse und Frischkäse. Etliche Tonnen im Jahr. "Alles, was irgendwie nach Käse schmecken soll, ist unser Geschäft", so Wiedemann.

Kommentare zu " Nahrungsmittelindustrie: Fast wie richtiger Käse"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%