Naturwissenschaften
Die Alarmanlage aus dem Zellhaufen

Tierversuche sind ein notwendiges Übel - noch. Denn alternative Testmethoden mit Gewebestücken, Mikroorganismen und Zellen eröffnen den Forschern schon heute neue Perspektiven.

DÜSSELDORF. "Die Zellen schlagen wie ein echtes Herz", sagt Andrea Seiler. Sie dehnen sich unter dem Mikroskop in Sekundenschnelle aus und ziehen sich zusammen. Ist das echtes Leben oder nur ein Zellhaufen? Das pulsierende Bündel besteht aus Herzzellen, die Seiler aus embryonalen Stammzellen der Maus differenziert hat.

Die junge Forscherin ist Molekularbiologin an der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (Zebet) im Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin. Sie sucht nach Alternativen zu Tests an Mäusen und Ratten. Solche Tierexperimente sind für Medikamente, Pflanzenschutzmittel und andere Chemikalien vorgeschrieben. Die Reaktion der Tiere soll erweisen, ob die Stoffe den Menschen bedrohen.

In den Laboren verraten jedoch schon heute auch tierfreie Tests mit Gewebestücken, Mikroorganismen und Zellen, ob Chemikalien die Haut reizen oder das Augenlicht rauben. Seilers zuckende Herzzellen warnen vor fruchtschädigenden Stoffen, die dem Baby im Mutterleib schaden würden. "Die Stammzellen, die sich zu Herzzellen differenzieren, sind ein guter Stellvertreter für Vorgänge im menschlichen Embryo. Das Herz ist das erste Organ, das sich schon etwa zehn Tage nach der Befruchtung zu entwickeln beginnt", sagt Seiler. Da sich die embryonalen Stammzellen der Maus beliebig lange aufbewahren lassen, musste für ihre Gewinnung nur eine einzige Maus sterben. Die Zellen schlummern auf Vorrat in riesigen Tanks mit flüssigem Stickstoff: "Wenn wir neue brauchen, tauen wir sie auf und vermehren sie nach einem Standardrezept."

Im Labor werden die embryonalen Stammzellen dann den betreffenden Chemikalien ausgesetzt. Oft träufelt Seiler nur wenige Mikrogramm davon in die Zellsuppe. Nicht mehr als ein Stück Würfelzucker in einer Badewanne. Schlagen die Herzzellen trotz Fremdstoff munter weiter, droht keine Gefahr. Leuchten die grün markierten Herz-Proteine Myosin und Actinin gleichzeitig unvermindert, signalisiert dies ebenfalls, dass es mit den Zellen zum Besten steht. Sobald aber ein Stoff die Zellen erstarren lässt und obendrein die beiden Herz-Proteine zerstört, ist die Substanz riskant für den menschlichen Embryo. Das passiert zum Beispiel, wenn Thalidomid auf die Stammzellen geschüttet wird: Das Schlagen der Herzzellen setzt aus, nichts rührt sich mehr.

Seite 1:

Die Alarmanlage aus dem Zellhaufen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%