Neue Ängste in Fukushima
Mauer aus Eis soll endlich für Entwarnung sorgen

Mit einer unterirdischen Mauer aus gefrorener Erde will Japans Regierung versuchen, die lecken Atomruinen in Fukushima abzudichten. Was nach Science Fiction klingt, ist in der Realität extrem aufwändig.
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Tokio/FukushimaDer Plan klingt nach Science-Fiction: Japans Regierung hat am Dienstag umgerechnet rund 360 Millionen Euro bereitgestellt, um die Erde um die vier Reaktorruinen des Atomkraftwerks (Akw) Fukushima 1 in eine 1,4 Kilometer lange Mauer aus Eis zu verwandeln und verstrahltes Wasser zu reinigen.

Der Aufwand für das eisige Bollwerk ist enorm: In regelmäßigen Abständen sollen Röhren in den Boden um die Reaktorgebäude gebohrt werden, die im März 2011 nach einem Mega-Erdbeben und einen Riesen-Tsunami explodiert sind. Durch die wird dann Kühlmittel gepumpt und ein künstlicher Permafrostboden erzeugt. Dies wird rund zwei Drittel des genehmigten Budgets verschlingen. Für das restliche Geld sollen die Filteranlagen für radioaktives Wasser schneller ausgebaut werden.

Verstrahltes Wasser ist derzeit Feind Nummer 1

Die Regierung versucht nun mit der Verstaatlichung dieser zwei Projekte eines der drängendsten Probleme an den strahlenden Atomruinen zu bewältigen, das Tepco allein nicht in den Griff bekommen hat: das Management riesiger Mengen verstrahlten Wassers.

Im Sommer musste Tepco einräumen, was Experten und sogar die Atomaufsicht schon länger befürchtet haben. Täglich fließen rund 400 Tonnen Grundwasser in die Reaktorgebäude der Meiler, vermischen sich dort mit dem Kühlwasser, mit dem Tepcos Retter die drei geschmolzenen Reaktorkerne kühlen, und strömt von dort in das Hafenbecken. Die Mauer aus Eis soll den Zufluss von Grundwasser reduzieren.

Doch das Fass zum Überlaufen brachte im August Tepcos Eingeständnis, dass unbemerkt 300 Tonnen verstrahltes Kühlwasser aus einem Lagertank gesickert waren. Die Atomaufsichtsbehörde und die Internationale Atomenergiebehörde bewerten die Lecks auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines), als Stufe 3, als „ernsten Störfall“.

Atomaufsicht wirft Tepco „Mangel an Krisenbewusstsein“ vor

Selbst der Chef der Atomaufsichtsbehörde, Shunichi Tanaka, attestierte Tepco am Montag im Foreign Correspondents' Club of Japan nach den jüngsten Geständnissen einen „Mangel an Krisenbewusstsein“. Zudem bemängelte er, dass Tepco für die Überwachung der Tanks unqualifizierte Arbeiter zu zu gesetzlichen Mindestlöhnen beschäftigt habe und sich von einer Notlösung zur nächsten hangele, anstatt vorausschauend mögliche Probleme zu identifizieren und vorbeugend zu entschärfen.

Die Atomaufsicht befürchtet nun, dass dieses Problem auch bei anderen 350 großen Tanks dieser Sorte auftreten könnte, die Tepco nach dem Unfall in aller Eile und billig auf dem Gelände hochgezogen hatte, um das Kühlwasser zwischenzulagern.

Bisher ist geplant, bis 2016 die Kapazität der Tanks auf 800.000 Tonnen zu verdoppeln. Doch eine Lösung ist dies nicht. Die Zunahme des Kühlwassers muss radikal gesenkt werden, zum Beispiel durch eine Wiederverwendung von gefiltertem Wasser für die Kühlung.

Außerdem kündigte Tanaka an, in der Zukunft womöglich gelagertes Wasser in den Ozean zu pumpen. Aber auch dafür müssen die radioaktiven Isotope soweit aus dem Wasser entfernt werden, dass die Strahlung unterhalb internationaler Grenzwerte liegt. Daher sollen die Kapazitäten der just gebauten Filteranlage nun ausgebaut werden.

Darüber hinaus will Tanaka nun über das Mandat seiner Behörde hinausgehen. Die Atomaufsicht will Tepco nicht nur überwachen, sondern auch gezielt Ratschläge und Anweisungen geben, wie die Atomkatastrophe besser einzudämmen sei.

Werbung für Olympia 2020

Für Atomkraftkritiker kommen diese Maßnahmen der Regierung und der Behörden viel zu spät. Denn Tepcos Salamitaktik beim Umgang mit Risiken wird nicht nur von Atomkraftgegner schon lange kritisiert. Doch erst nach dem medialen Fall-out der jüngsten Tepco-Geständnisse im In- und Ausland hat Ministerpräsident Shinzo Abe entschieden, Tepco direkt unter die Arme zu greifen.

Der Grund ist simpel: Die immer lauteren Vorwürfe über Tepcos Versagen bedrohen seine Energiepolitik. Der überzeugte Atomkraftbefürworter will die 50 bald gänzlich abgeschalteten und funktionsfähigen Meiler des Landes gegen den stillen Widerstand der Bevölkerung so schnell wie möglich wieder ans Netz bringen, um die teuren Importe von Gas, Kohle und Öl zu senken. Denn die drücken Japans Handelsbilanz tief ins Minus.

Diesen Monat wird die Importrechnung noch einmal teurer. Denn am Montag wurde der vorletzte aktive Meiler des Landes, Reaktor 3 des Akws Oi in der Präfektur Fukui, für regelmäßige Wartungsarbeiten vom Netz genommen. Am 15. September wird Reaktor 4 des Akws folgen. Japan wäre dann vorübergehend atomstromfrei.

Dass am Sonnabend das Olympische Komitee darüber entscheidet, die Sommerolympiade 2020 nach Tokio, Istanbul oder Madrid zu vergeben, mag das Timing von Abes Entscheidung beeinflusst haben. Denn obwohl die bisher entdeckten Lecks nur lokal ein Problem darstellen, ist eine 200 Kilometer von Tokio entfernte Strahlenschleuder keine besonders gute Werbung für die Hauptstadt.

Japan öffnet sich zögerlich für ausländische Hilfe

Die jüngste Krise am Katastrophen-Akw könnte sogar ein weiteres Tabu brechen: Auch Hilfe aus dem Ausland ist nicht mehr ausgeschlossen, erklärte Japans oberster Atomaufseher Tanaka dem Handelsblatt am Montag am Rande des Pressegesprächs.

Bislang sind Firmen aus dem Ausland nur zu Beginn der Rettungsarbeiten beschäftigt worden. Doch die Behandlung des Kühlwassers, das mit den geschmolzenen Reaktorkernen in Berührung käme, sei technisch sehr schwierig. „In diesem Prozess kann es sein, dass wir uns für Hilfe ans Ausland wenden“, so Tanaka. Aber es sei nicht die Aufgabe der Atomaufsichtsbehörde, die Partner zu wählen. Dies obliege Tepco und dem Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti).

Angebote liegen vor. Vorige Woche erneuerte Russlands Atomkonzern Rosenergoatom ein zwei Jahre altes Hilfsangebot. „In unserer globalisierten Atomindustrie haben wir keine nationalen Unfälle, sie sind alle international“, sagte Wladimir Asmolov, Vize-Generaldirektor des staatseigenen Unternehmens den Medien.

Ausländische Experten sollen Japan beraten

Das Meti sah sich zwar nicht in der Lage, auf mehrmalige Anfragen des Handelsblatts zu reagieren. Aber Tepco zeigte sich – wenn auch verhalten – bereit, ausländische Unternehmen an der Abwicklung der Atomruinen zu beteiligen.

Ein Konzernsprecher behauptete zwar, kein direktes Angebot der Russen erhalten zu haben. „Wir kennen die Medienberichte, aber Russland hat uns nicht direkt angesprochen, so dass wir keine Details kennen“, erklärte ein Tepco-Sprecher dem Handelsblatt. Aber Tepco lägen eine Reihe offizieller Hilfsangebote vor, darunter von dem französischen Atomkonzern Areva und dem US-Roboterhersteller iRobot. „Tepco ist dankbar für Hilfsangebote aus Übersee für die Dekommissionierung des Akws“, teilte der Konzernsprecher mit.

Besonders die Gründung des Internationalen Forschungsinstituts für die nukleare Dekommissionierung (Irid) im Augst sei für Tepco ein wichtiges Ereignis, so der Sprecher. Mit diesem Institut wollen die Japaner nun auch den Rat von Experten aus den USA, England, Frankreich, Russland und der Ukraine ernten wie mit dem radioaktiv verseuchtem Wasser verfahren werden kann - zweieinhalb Jahre nach dem Unfall! Eine Reise der Experten an die Ruinen von Fukushima ist für Ende September geplant. Wie weit Regierung und die Atomindustrie wirklich Ausländer in den Atomunfall gucken lassen werden, ist allerdings noch offen.

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

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  • Hmm, soweit ich weiß liegt Japan weit außerhalb des deutschen Sprachraums. Trotzdem machen die dort so einen sinnlosen und absurd teuren Unsinn, obwohl die veröffentlichten Gammastrahlenwerte absolut harmlos sind?
    Lieber Vandale - nicht sehr schlüssig.

  • @hallo derbernd, Ist schon seltsam, dass alle es leugnen wollen. Die sprüche der grünen gegen deutsche sind legendär und aufgezeichnet und fast alle auf yutub abrufbar. Einige von cem muss man ins deutsche übersetzen.
    Warum wollen sie etwas leugnen was nunmal fakt ist?

  • Ja nun, wenn Sie die Deutschen Medien inhalieren dann finden Sie zu Tschernobyl und vermutlich auch bald zu Fukushima jede beliebige Anzahl an "Strahlentoten" wie es das ökologische Herz erfreut.

    Entgegen des gausamen Oekoglaubens und zum Glück für die Menschheit halten sich die realen Operzahlen dieser Nuklearunglücke in Grenzen.

    Zu Hiroshima hatte ich eine Uebersetzung des Untersuchungsberichts der US Steitkräfte bemüht der wesentlich nüchternere Zahlen als das Handelsblatt ausweist.
    Zu Tschernobyl und Fukushima beziehe ich mich auf die Untersuchungen der WHO, der IAEA und der UNSCEAR. Der UNSCEAR Bericht hat festgestellt, dass es in Japan mit den Reaktorunfällen vorraussichtlich soviele Krebsfälle geben wird wie ohne diese auch. Das ist bei Betrachtung der veröffentlichten Gammastrahlenwerte plausibel.

    Ausserhalb des Deutschen Sprachraums sind das die üblicherweise akzeptierten Zahlen.

    Vandale

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