Neue Religiosität
Auf der Suche nach dem Sinn

Zur Weihnachtszeit ist man es gewöhnt. Doch in diesem Jahr wurde ein Spitzenpolitiker schon im Oktober besinnlich. Mehr Religion in der Politik wünschte sich Innenminister Wolfgang Schäuble in der ersten "Berliner Rede über Religionspolitik" an der Humboldt-Universität.

BERLIN. Auch ZDF-Mann Peter Hahne beschwört christliche Tradition gegen die gefühlte Verwilderung der Sitten: "Schluss mit lustig" fordert er in seinem Büchlein nämlichen Titels. Für die knapp eine Million zumeist katholischen Teilnehmer des Weltkirchentages fing in Köln mit Pop und "Wir sind Papst" der Spaß dagegen erst richtig an.

Religion ist wieder "in". Wissenschaftler haben das Thema Religiosität entdeckt, Gott erobert die Titelseiten. Vom "religious turn" ist die Rede, und gern werden 11.September und Tsunami-Katastrophe als Beginn einer religiösen Renaissance genannt. "Natürlich brauchen Menschen nach solchen Ereignissen einen rituellen Rahmen, der ihnen einen ersten Umgang mit ihren durcheinander geratenen Gedanken und Gefühlen ermöglicht", sagt die Frankfurter Religionssoziologin Christel Gärtner. "Die Kirchen können so etwas bieten. Aber deshalb werden die Leute nicht wieder religiös."

Je ein Drittel der Deutschen gehört zwar einer der Großkirchen an, aber nur 20 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich selbst als religiös. Bereits ein Drittel ist konfessionslos, und nach wie vor übersteigen die jährlichen Kirchenaustritte die 100 000-Marke bei weitem.

Eine "Entkirchlichung" sieht der katholische Theologe Wilhelm Damberg von der Ruhr Bochum, -Universität indessen keinen Religionsverlust - und genau das sei die Chance für die Kirchen. "Die Großkirchen sehen in der jetzigen Debatte eine Möglichkeit, verlorenes Terrain wieder gutzumachen", sagt Damberg. Er leitet die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Forschergruppe zum Thema "Transformation der Religion in der Moderne", die soeben die Arbeit aufgenommen hat. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders, so Damberg, vertrieb der Nierentisch das Kruzifix, Gesellschafts- und Familienstrukturen änderten sich, die "Patchwork-Religion" heutiger Tage sei eine der Folgen. Die Kirchen sollten sich darauf einlassen, ohne darin aufzugehen, findet Damberg: "Wenn Sie ein Produkt haben, das eine Zeit lang nicht so lief, müssen Sie sich überlegen, wie sie es wieder marktgängig machen."

Diese Patchwork-Religion hat viele bunte Flicken auf einem Markt mit über 400 Religionsgemeinschaften. An hohen Feiertagen geht man in die Kirche, zwischendurch in eine schamanistische Séance oder in einen buddhistischen Tempel, bei Geburt und Tod wendet man sich wieder an den Pfarrer - auch aus finanziellen Gründen. "Die Menschen konsumieren Religion in Einzelleistungen", weiß der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser von der Freien Universität in Berlin. Sie setzen sie pragmatisch je nach Lage ein und bilden dabei "bereichsspezifische Persönlichkeitsprofile" aus wie jener Berliner Polizeikommissar, der tagsüber erfolgreich Verbrecher fängt und abends in einen okkulten Club geht.

Ein einheitliches Weltbild wird weder gesucht noch gebraucht. Genau an dieser Stelle verhallt oft der Ruf nach "mehr Religion" in Politik und Gesellschaft. Denn der postuliert ein traditionell christlich gedachtes, konsistentes Individuum, das außer in fundamentalistischen Gruppen selten geworden ist.

Seite 1:

Auf der Suche nach dem Sinn

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%