Neue Studie
Was chinesische Touristen von den Deutschen halten

Chinesische Touristen erhoffen sich von ihren Reisen vor allem skurrile Folklore. Ihr Deutschland-Bild hat der Sinologe Wolfgang Arlt untersucht. Für sie ist China das Zentrum der Welt – die Deutschen sind für sie ein Volk von Maschinenmenschen.

DÜSSELDORF. Im Zentrum der Welt herrscht vollendete Harmonie. Das Land der Mitte ist der perfekte Ort für einen kultivierten Menschen. Je weiter man sich von ihm entfernt, desto mehr wird die empfindsame, gebildete Seele von barbarischen Missklängen geschunden. „Nach dieser traditionellen chinesischen Weltsicht liegen Länder, die wie Deutschland keinen nennenswerten chinesischen Bevölkerungsanteil haben, an den vier Ecken der Weltscheibe, außerhalb der Zivilisation. Heute noch wird eine Reise nach Deutschland als Reise ins Barbarenland empfunden“, sagt Wolfgang Arlt.

Früher führte der Sinologe selbst chinesische Reisegruppen durchs Land der gelbhaarigen Barbaren. Heute erforscht er sie als Professor für Internationales Tourismusmanagement an der Fachhochschule Westküste in Heide/Holstein und hat ein Lehrbuch für den deutschen Fremdenverkehr geschrieben: „Deutschland als Reiseziel chinesischer Touristen“.

Seit die chinesische Regierung Deutschland 2003 offiziell als Ziel für touristische Reisen freigegeben hat, kommen sie zu Zehntausenden. Im Jahr 2003 übernachteten chinesische Touristen 578 000-mal in deutschen Hotelbetten, 2008 waren es 943 000. Rechnet man die Chinesen aus Taiwan hinzu, dann sind sie nahezu so zahlreich wie die japanischen Deutschland-Reisenden (1,1 Mio. Übernachtungen).

Trotzdem haben schon etliche Hoteliers die Idee, mit den Chinesen das schnelle Geld verdienen zu können, genervt wieder fallenlassen. Sie hätten, so Arlt, einfach nicht damit gerechnet, dass Gäste aus Asien uns Deutschen sowohl in unserem Dünkel als auch in unserer Freude an Beschwerden Konkurrenz machen können. Die reichen Chinesen, die nach Deutschland kommen, sind nicht nur an moderne Haustechnik wie Lichtsensoren und automatische Toilettenspülung gewöhnt – und an eine Heerschar guter Geister, die ihnen jeden Wunsch erfüllt. „Außerdem wird um jedes Extra hemmungslos gefeilscht“, berichtet Arlt. „Ist ein Bier beim Essen gratis, beschäftigt man sich den ganzen Abend damit, auch das zweite umsonst zu bekommen, selbst wenn man es dann ungeöffnet stehen lässt.“

Deutsche Gastgeber, so Arlt, schätzten das Deutschland-Bild der chinesischen Touristen oft falsch ein: „Das sind keine angereisten Bewunderer, die es kaum erwarten können, angesichts unserer Kulturschätze in Staunen auszubrechen“, sagt Arlt. Chinesen sind eben keine Japaner, keine gerührten Bewunderer von König Ludwig und Johann Sebastian Bach – und sie sind nicht gerade leise. „Stattdessen kommen sie heute in einem Gefühl der Überlegenheit. Sie möchten lieber shoppen, als Stunden in für sie irrelevanten Museen zubringen. Und sie wollen all die putzigen Dinge sehen, von denen es heißt, dass wir Eingeborenen sie tun.“

Ein Land von Tugend und Anstand – das ist Deguo, der chinesische Begriff für Deutschland. Deutsche arbeiten hart, sind pünktlich und präzise. Das allein taugt schon als folkloristische Skurrilität: Treu bedeutet treudoof, Verlässlichkeit gilt als Zeichen geistiger Schwerfälligkeit. „Ich habe weder leckeres Essen noch begehrenswerte Mädchen vorgefunden. Warmherzigkeit und Romantik sucht man vergebens“, berichtet der Reisebuchautor Yan Jingqian von den braven Banausen. „Die Deutschen sind wie eine Gruppe von Maschinen mit quadratischen Kinnladen, die nur Gehorsamkeit und Disziplin kennen.“

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