Neues Medikament
Fettsucht wird im Hirn bekämpft

Übergewicht ist ein Risikofaktor vieler Krankheiten und Beschwerden, von Herz-Kreislauf-Problemen bis zu Krebs und Unfruchtbarkeit. Mediziner halten Fettleibigkeit für eine der großen Zukunftsbedrohungen. Ein neues Medikament soll die Kilos reihenweise purzeln lassen. Unter Experten ist die Abnehm-Pille aber umstritten.

DÜSSELDORF. Fettleibigkeit hat sich zu einer internationalen Seuche entwickelt. Die Bilanz der 2500 Konferenzteilnehmer, die sich vor kurzem in Sydney trafen, um über Fettsucht ("Adipositas") und ihre Folgen zu diskutieren, fiel ziemlich dramatisch aus. "Sie ist eine ebenso große Bedrohung wie Klimaerwärmung und Vogelgrippe", sagte der Tagungsvorsitzende Paul Zimmet. Dass immer noch viele Menschen in Entwicklungsländern Hunger leiden, kontrastiert mit der Tatsache, dass, Zimmet zufolge, auf der Erde bereits mehr übergewichtige als untergewichtige Menschen leben. In Zukunft dürfte das Pendel wohl noch weiter zur Seite der Dicken ausschlagen. Dabei verursache die Behandlung von durch Adipositas ausgelösten Leiden wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen schon heute Milliarden-Kosten.

Da klingt es fast zu schön, um wahr zu sein, was ein neues Präparat des Pharma-Riesen Sanofi-Aventis zu leisten verspricht. Acomplia lässt nicht nur Kilos verschwinden, sondern normalisiert auf diesem Wege auch Blutfette und Zuckerspiegel. Was die Abnehm-Pille von bereits verfügbaren Schlankmachern unterscheidet, ist der Wirkmechanismus. Als erstes Medikament überhaupt greift Acomplia ins so genannte Endocannabinoid-System ein. Der Wirkstoff Rimonabant blockiert den Cannabinoid-1-Rezeptor, der bei der Regulation von Appetit und Stoffwechsel eine Rolle spielt - unter anderem, und das ist der Grund, warum einige Wissenschaftler die Substanz mit Skepsis betrachten. Zu ihnen gehört Andreas Zimmer, der am Life & Brain Center der Uni Bonn die Effekte der körpereigenen Cannabinoide erforscht. "Wir haben so gut wie keine Ahnung, was passiert, wenn man das Endocannabinoid-System langfristig hemmt", mahnt der Neurobiologe. Doch die ersten adipösen Patienten werden bereits behandelt, seit Anfang September ist Acomplia in Deutschlands Apotheken auf Rezept erhältlich.

Dass Rimonabant tatsächlich zum Abspecken taugt, belegen die von mehreren amerikanischen und europäischen Universitäten durchgeführten RIO-Studien, an denen insgesamt über 6 600 Übergewichtige teilnahmen. Zusätzlich zu einer Diät und regelmäßiger Bewegung erhielten sie entweder täglich Acomplia oder ein Placebo. Nach einem Jahr brachten die Teilnehmer, die das Medikament schluckten, durchschnittlich 8,5 Kilogramm weniger auf die Waage. Andreas Pfeiffer betont aber, dass die Probanden in der Placebogruppe ebenfalls abnahmen, wenn auch nur gut halb so viel. "Das zeigt, wie wichtig die Umstellung des Essverhaltens und der Lebensgewohnheiten ist", sagt der Ernährungsmediziner von der Berliner Charité. "Wer wie gewohnt weiterfuttert, wird durch Rimonabant nicht dünner."

Ärzte dürfen das Mittel vorerst nur stark Übergewichtigen verschreiben, das heißt Menschen mit einem Body-Mass-Index über 30 beziehungsweise über 27, sofern sie bereits an Folgeerscheinungen der Fettsucht leiden, etwa einem erhöhten Cholesterinspiegel. "Diese Patienten haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und dann ist Acomplia eine sehr viel versprechende therapeutische Option", so Pfeiffer.

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