Neues Produktionsverfahren
Grippeimpfstoff aus der Hundeniere

Wer Grippeimpfstoff produzieren möchte, braucht Grippeviren. Bislang mussten die Erreger in Hühnereiern herangezüchtet werden. Ein aufwändiges und teures Verfahren, das der Pharmakonzern Novartis Behring jetzt auf weltweit einzigartige Weise abkürzen konnte.

HB MARBURG. Eine weltweit einzigartige Produktionsanlage hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Marburg eingeweiht. In der 60 Millionen Euro teuren Großanlage will das Unternehmen Novartis Behring künftig das Grippemittel "Optaflu" herstellen. Das Besondere dabei: Im Gegensatz zur traditionellen Produktionsweise von Impfstoff kommt die Zellkulturtechnologie ohne bebrütete Hühnereier aus.

Bisher müssen für die Impfstoffproduktion Millionen von Eiern mit einem Vorlauf bis zu einem Jahr bestellt werden, um im richtigen Zeitpunkt eingesetzt zu werden. Die Zellen für die Herstellung von Impfstoff auf Zellkulturbasis werden dagegen im tiefgefrorenen Zustand ständig vorrätig gehalten. Nach Angaben des Technischen Leiters der Behringwerke, Norbert Klein, könnte die Produktionszeit für Impfstoff im Fall einer Pandemie so von vier bis sechs Monate auf zwei bis drei Monate halbiert werden.

Dass sich dieses preiswerte Verfahren heute in industriellem Maßstab nutzen lässt, verdankt die Wissenschaft einem namenlosen Cockerspaniel. Vor 50 Jahren hatten US-Forscher aus seiner Niere Zellen isoliert und anschließend vermehrt. In diesen Zellen lassen sich nun Grippeviren hervorragend züchten. Die Viren werden später zerstört und als Impfstoff eingesetzt.

Technisch läuft der Prozess von oben nach unten. Im obersten Stockwerk wird das Nährmedium der Viren, eben jene Zellkultur, in drei Fermentern produziert. In der Etage darunter werden die Zellen mit den Viren angeimpft, noch eine Ebene tiefer wird das Virus inaktiviert, am Ende wird das Produkt gereinigt.

Der Weg durch die Bottiche, Röhren, Zentrifugen und Messgeräte beginnt mit einem Milliliter Nährlösung, umfasst zwischenzeitlich mehrere tausend Liter Flüssigkeit und endet nach 30 Tagen mit zehn Litern reinem Impfsubstrat (Antigen). Es besteht aus einzelnen Virenteilen, die das Immunsystem zur Abwehr aktivieren, aber keine Grippe mehr auslösen.

Was die Produktion von Grippeimstoffen generell heikel macht, ist die Tatsache, „dass jedes Jahr neue Gäste in unserem Hotel wohnen“, wie der Geschäftsführer Novartis Behring, Markus Leyck Dieken, erläutert. In jedem Jahr grassieren neue Virusstämme in der Welt, daher setzt sich der Impfstoff jährlich neu zusammen.

Das neue Herstellungsverfahren bringt vor allem Vorteile im Fall einer Pandemie, sagt Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich- Instituts, das für Zulassung und Kontrolle von Impfstoffen zuständig ist. „Würde zum Beispiel die Vogelgrippe auf den Menschen übergehen, hätten wir ein riesiges Problem, wenn das Virus vorher die Hühner umgebracht hätte. Damit fiele für die Impfstoffproduktion der Rohstoff weg.“

Aus Sicht von Novartis Behring hat das neue Verfahren noch weitere Vorteile. „Ein geschlossenes Rohrsystem ist weniger anfällig für Verunreinigungen als ein biologisches Produkt wie ein Ei“, sagt Leyck Dieken. „Derzeit muss jedes Ei von Menschenhand angefasst werden und hat danach zu allem Überfluss auch noch ein Loch.“

Wann die ersten Impfstoff-Chargen auf den Markt kommen, ist noch unklar. Die generelle Zulassung für das Verfahren hat Novartis im Juni erhalten, die saisonale Zulassung für die aktuellen Virusstämme steht noch aus. Norvartis hofft aber, noch in diesem Jahr mit der Auslieferung zu beginnen.

Wenn 2009 die neue Anlage komplett läuft, will das Unternehmen bis zu 40 statt derzeit 8 Millionen Dosen Grippe-Impfstoff produzieren.

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