Neuro- contra Geisteswissenschaften
Kampfansage an einseitiges Denken

Es gibt Neurophilosophie, Neurotheologie, Neuroästhetik, Neurosoziologie oder Neurojurisprudenz. Allen gemeinsam ist, dass sie Phänomene, die bisher als kulturell galten, auf etwas Physisches zurückführen, nämlich Aktivitätsmuster von Nervenzellen im Gehirn. Und folgerichtig versuchen sie, diese Phänomene mit Methoden der Naturwissenschaft zu erklären. Für die Geisteswissenschaften ist das eine Kampfansage.

Hirnforscher beschäftigen sich mit Freiheit, Bildung oder Gott. Geisteswissenschaften? Braucht man nicht mehr. Dieser Eindruck entsteht angesichts des neuen Forschungstrends: Da überwältigt das Gehirn den Geist, oder, martialischer ausgedrückt: Die Neurowissenschaften überrollen die Geisteswissenschaften.

"Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden", fordert beispielsweise Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt. Anhand von Experimenten wollen Neuroforscher bewiesen haben, dass der Mensch keinen freien Willen hat - ein Frontalangriff auf die Philosophie, die bisher für Freiheitsfragen zuständig war. Ein "Gottes-Modul" im Hirn entdeckte der kalifornische Neuropsychologe Vilaynur S. Ramachandran im Gehirn religiöser Menschen und forderte damit die Theologie heraus. Und in den USA wurde eigens ein Institut gegründet, in dem Neurowissenschaftler erforschen wollen, warum Menschen etwas als schön empfinden - auch das war bisher eine Domäne von Philosophie oder Kunstwissenschaft.

Ganze Forschungsrichtungen sind schon entstanden: Es gibt Neurophilosophie ebenso wie Neurotheologie, Neuroästhetik, Neurosoziologie oder Neurojurisprudenz. Allen gemeinsam ist, dass sie Phänomene, die bisher als kulturell galten, auf etwas Physisches zurückführen, nämlich Aktivitätsmuster von Nervenzellen im Gehirn. Und folgerichtig versuchen sie, diese Phänomene mit Methoden der Naturwissenschaft zu erklären.

Für die Geisteswissenschaften aber ist das eine Kampfansage. Denn die Neuroforscher sind nicht gerade bescheiden: Das Menschenbild werde sich durch die Ergebnisse ihrer Forschung grundlegend verändern, proklamieren sie - und damit auch alle Wissenschaften, die sich mit dem Menschen und seinem Handeln beschäftigen. Wie also umgehen mit der neuen Herausforderung?

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