Neurobiologie
Mein Hirn, dein Hirn – unser Hirn

Männer und Frauen unterscheiden sich in Hirnanatomie und Psyche, aber nicht so, wie die Bahnhofs-Literatur weismacht.

DÜSSELDORF. Dass sie von verschiedenen Planeten stammen und daher Frauen nicht einparken und Männer schlecht zuhören können, erklären uns unterhaltsame Bestseller. Die Frage nach dem Geschlechtlichen in Hirn und Psyche ist aber eine ernste und beschäftigte schon die Denker der Antike. Für Aristoteles war die Frau schlicht ein vernunftloses Wesen. Platon erzählt von Kugelmenschen, die die Götter in der Mitte durchschnitten, so dass Mann und Frau entstanden, die seither ihre verlorene Hälfte suchen. Das ist zeitlos schön und so wahr, wie nur Literatur es sein kann. Aber was sagen die Wissenschaften über die psychisch-mentalen Differenzen?

"Die Gehirne von Männern und Frauen sind ganz eindeutig in vielerlei Hinsicht gleich", schreibt der kalifornische Neurobiologe Larry Cahill im "Scientific American". Aber: "Forscher haben in den vergangenen zehn Jahren eine erstaunliche Reihe an strukturellen, chemischen und funktionellen Variationen zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen nachgewiesen." Der parietale Kortex etwa, eine für das räumliche Orientierungsvermögen zuständige Hirnregion, ist bei Männern tatsächlich größer (einparken!). Der für die emotionale Reaktion verantwortliche limbische Kortex dagegen ist bei Frauen ausgeprägter (zuhören!). Einige Unterschiede werden sicher durch die Sexualhormone ausgelöst, die die Entwicklung des Gehirns im Mutterleib prägen. Viele der messbaren Unterschiede sind also mit großer Sicherheit von Geburt an vorhanden. Unsere tierischen Verwandten sind uns da recht ähnlich. Versuche mit Ratten zeigten, dass die Neuronen von Männchen und Weibchen im Hippocampus, zuständig für die räumliche Orientierung, unterschiedlich auf Gegenstände reagieren.

Einige Psychologen dagegen verneinen viele der weitläufig angenommenen Unterschiede. Janet Shibley Hyde von der Universität Wisconsin hat die Daten von 45 Meta-Studien der letzten zwanzig Jahre ausgewertet. Diesen lagen Hunderte psychosozialer Experimente zu Grunde. Tests auf kognitive Fähigkeiten wie mathematisches Verständnis, Sprache oder räumliches Vorstellungsvermögen waren ebenso darunter wie Untersuchungen zu Kommunikation, sozialer Kompetenz, Persönlichkeit und psychischem Wohlbefinden. Hyde fegt die meisten Vorstellungen typisch männlicher und weiblicher Psyche vom Tisch: "78 Prozent der Unterschiede sind gering oder fast gleich null", schreibt sie im " American Psychologist". Relevante Unterschiede fand sie aber bei sexuellen Vorlieben und körperlicher Aggression. Nach Hyde sind psychische Unterschiede stark vom sozialen Umfeld abhängig . So sind Frauen in Psychotests aggressiver, wenn sie sich unbeobachtet glauben, und Männer hilfsbereiter, wenn jemand zuschaut.

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