Neurologieforschung
Der Mensch – das emotionale Wesen

Entscheidungen zu treffen, fällt Menschen oft schwer. Selbst an der Börse gründet die Aktienauswahl nicht immer auf rationalem Denken. Nun sehen Neurologen mit bildgebenden Verfahren, wie das Gehirn wirtschaftliche Entscheidungen fällt

DÜSSELDORF. Angenommen, Sie sitzen beim Italiener, vor Ihnen die Speisekarte mit 15 Gerichten. Die berühmte Qual der Wahl. Also schauen Sie sich die Preise an, setzen sie in Beziehung zum Kaloriengehalt und berechnen, wo sie am meisten Nährwert pro Euro bekommen. Die Tatsache berücksichtigend, dass viel Fett ungesund ist, bestellen Sie schließlich ein Nudelgericht mit einer leichten Tomatensauce aus dem unteren Preissegment, Beilagensalat inbegriffen. Dann haben Sie so gehandelt, wie Ökonomen es erwarten. Sie haben die Fakten rational abgewogen. Tatsächlich aber bringt der Ober Scaloppine mit Steinpilz-Sahne-Sauce, und Sie freuen sich schon jetzt auf das cholesterintriefende Tiramisu, das Sie sich mit ihrem Herzblatt teilen, weil Sie den gemeinsamen Genuss lieben.

Ihr Arzt wird davon ebenso wenig begeistert sein wie die Ökonomen. Denn Sie haben gegen eine in der Wirtschaftslehre weit verbreitete Vorstellung verstoßen: Entscheidungen sind eine Sache der Vernunft. Börsenentwicklung, Investitionsverhalten, Arbeitsmarkt, all das erklärt die Ökonomie mit dem Idealbild des kühlen Kalkulators, für so Diffuses wie Gefühle oder "Bauchschmerzen" bleibt kein Platz. Peter Kenning sieht das anders, auch wenn er den Homo oeconomicus nicht ganz verdammen möchte: "Das Modell passt zu den Ergebnissen mancher spieltheoretischer Versuchsanordnungen im Labor", sagt der Wirtschaftswissenschaftler von der Uni Münster. "Im normalen Leben jedoch spielen Emotionen bei fast allen Entscheidungsprozessen eine ganz wichtige Rolle."

Ob Kaloriensünden im Restaurant oder kollektive Panikverkäufe an der Börse, die Realität zeigt, dass der Mensch keine Rechenmaschine ist. Diese Einsicht hat sich bereits durchgesetzt, doch nun erkennen Neuroökonomen wie Peter Kenning die naturwissenschaftlichen Grundlagen dieser Tatsache. Kenning untersucht mit neurowissenschaftlichen Methoden wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), was in unserem Gehirn passiert, wenn wir ökonomische Entscheidungen fällen. Das Verfahren macht fortlaufend und in Echtzeit sichtbar, welche Hirnareale dann gerade besonders aktiv sind und welche nicht.

Die so gewonnenen Erkenntnisse belegen, dass der Homo oeconomicus eine Fiktion ist. Denn an Stelle der fürs rationale Denken zuständigen Hirnrinde halten bei Entscheidungsprozessen oft andere, primitivere Strukturen das Zepter in der Hand. Das zeigt Alan Sanfeys fast schon legendäres, 2003 in "Science" veröffentlichtes Experiment. Er führte das berühmte "Ultimatum Game" mit neurologischen Untersuchungsmethoden durch: Zwei Probanden, die sich nicht kennen, sollen zehn Dollar aufteilen. Einer erhält die ganze Summe als Startkapital und entscheidet, wie viel er dem anderen abgeben möchte. Akzeptiert der, bekommt jeder seinen Teil. Lehnt er ab, gehen beide leer aus.

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