Neurowissenschaft
Spurensuche im Verbrecherhirn

Was macht einen Menschen zum Gewalttäter? Hirnforscher versuchen sich an neuen Antworten auf eine alte Frage. Noch sind die Erkentnisse schwer nachzuweisen - doch in amerikanischen Gerichtssälen werden schon die ersten Hirnaufnahmen als Beweisstücke vorgelegt.

DÜSSELDORF. Im Februar 1989 begeht Joel David Rifkin seinen ersten Mord. Der 30-Jährige erwürgt eine Prostituierte, zerstückelt sie und wirft die Leichenteile in den East River. In den folgenden vier Jahren geht Rifkin als Serienkiller in die Geschichte New Yorks ein. 16 Frauen, meist Prostituierte, fallen ihm zum Opfer, bevor er 1993 eher zufällig von der Polizei geschnappt wird. Was ihn zu seinen Bluttaten trieb, kann er nicht sagen. „Es war einfach etwas, das passiert ist, und, wissen Sie, ich hatte nie vor, es zu wiederholen“, so Rifkin in einem Interview aus dem New Yorker Staatsgefängnis, wo er eine lebenslängliche Haftstrafe verbüßt. „Bin ich einfach böse? Habe ich einen Hirnschaden? Das sind Fragen, auf die ich eine Antwort will.“

Hans J. Markowitsch glaubt, antworten zu können. „Bei Kapitalverbrechern oder Personen, die eine regelrechte Verbrecherlaufbahn eingeschlagen haben, findet sich fast immer ein hirnbiologischer Hintergrund“, sagt er. Dies sei statistisch abgesicherte Gewissheit, so der Leiter des Instituts für Physiologische Psychologie der Universität Bielefeld und Mitautor des vor kurzem erschienenen Buchs „Tatort Gehirn“. Vorgestellt werden darin die Befunde der aufstrebenden Forschungsdisziplin Neurokriminologie. Mit bildgebenden Verfahren fahnden Wissenschaftler in den Gehirnen von Mördern, Triebtätern und Psychopathen nach dem Ort, an dem kriminelles Handeln entsteht.

„Wenn man Leute, die ein Kapitalverbrechen begangen haben, untersucht, stößt man regelmäßig auf Hirnveränderungen“, berichtet Markowitsch. „Jeder Mensch ist in seinem Verhalten determiniert. Wie er in einem bestimmten Moment handelt, wird bestimmt durch Genetik und Umwelteinflüsse, die sich auf die Funktionsweise seines Gehirns auswirken“, sagt er.

Die Suche nach der biologischen Basis des Bösen hat Tradition. Ende des 18. Jahrhunderts glaubte der deutsche Arzt Franz Josef Gall den „Würge- und Mordsinn“ ausgemacht zu haben, in einem tastbaren Wulst des Schädelknochens beidseits über den Ohren.

Niemand verfolgte die Idee so besessen wie Cesare Lombroso (1835 - 1909). Mit Zollstock und Zirkel rückte der italienische Psychiater Hunderten von inhaftierten Kriminellen zu Leibe, vermaß Schädel, Gesicht und Körper und notierte jedes anatomische Merkmal. Seine gesammelten Erkenntnisse stellte er 1876 in dem Buch „L’uomo delinquente“ vor: Der „geborene Verbrecher“ sei groß und massig, habe einen kleinen deformierten Schädel, dunkle Haare, Augen und Haut, eine Hakennase unter der fliehenden Stirn, große Ohren, vorspringende Kiefer und spärlichen Bartwuchs.

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