Nobelpreis 2010
Altmodische Kandidatenkür

Kommende Woche ist es wieder soweit: In Stockholm und Oslo werden die Nobelpreise vergeben. Doch wie wird man eigentlich Nobelpreisträger? Eine Insiderin weiß Überraschendes von der genauestens festgelegten Prozedur zur Kür der Preisträger zu berichten.
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STOCKHOLM. „Beim Nobelpreis sind wir altmodisch“, seufzt Astrid Gräslund halb verlegen, halb verliebt, ehe sie die Kandidaten-Kür für den berühmtesten Wissenschaftspreis der Welt erklärt: „Unsere Formulare lassen sich nur mit der Hand ausfüllen. Man muss sie auch mit der Post zurückschicken, Mails nehmen wir nicht an.“ Durch mehrere hundert handschriftliche Vorschläge mit Begründung wühlen sich die Juroren jedes Jahr, ehe Anfang Oktober ein, zwei oder höchstens drei Chemiker einen Anruf aus Stockholm bekommen.

Als „Ständige Sekretärin“ des Chemie-Komitees in Schwedens Wissenschaftsakademie managt die Professorin für Biochemie nebenberuflich das pingelig vorgeschriebene Verfahren. Denn natürlich kann nicht jeder hergelaufene Hobby-Chemiker eine Nobelpreis- Initiative starten. Am Anfang stehen jedes Jahr „Einladungen“ der Akademie an 2000 bis 3000 wissenschaftliche Einrichtungen und Chemie- Kapazitäten in aller Welt, bis 31. Januar Vorschläge für den Nobelpreis nach Stockholm zu schicken.

Etwa 500 der Angeschriebenen antworten und schicken ihre Vorschläge. Gräslund sammelt sie in einem schön eingebundenen und total geheimen „Roten Buch“: „Das ist groß und dick. Wir haben einige hundert Kandidaten, aber natürlich tauchen die meisten Namen ja immer wieder auf“, berichtet Gräslund und lächelt nur müde auf die Frage, ob man es mal anschauen dürfe. Sie selbst guckt immer wieder gerne rein: „Man bekommt einen einzigartigen Einblick in das, was sich forschungsmäßig so rührt.“

Mit sieben weiteren Mitgliedern im Chemie-Komitee wählt Gräslund im Frühjahr 20 bis 30 Namen im engeren Kandidatenkreis aus, für die dann weltweit Fachgutachten eingeholt werden. Nach den Sommerferien wird die Liste dann weiter „zusammengekocht“. „Natürlich gibt es dabei Konflikte und auch unterschiedliche Vorlieben bei uns im Komitee“, gesteht die Schwedin ein. Sie selbst freue sich immer besonders über einen Preis für Grundlagenforschung.

Jedes Jahr an einem Mittwoch im Oktober, nach dem Medizin- und dem Physikpreis, und immer zwei Tage vor dem Friedensnobelpreis, wird dann von über hundert meist ergrauten und meist männlichen Mitgliedern der kompletten Wissenschaftsakademie die endgültige Entscheidung gefällt. „Es ist seit der ersten Vergabe 1901 einmal vorgekommen, dass die Akademie den Vorschlag des Komitees nicht angenommen hat.“ Da ging es wohl um innerschwedische Professoren-Fehden und Rachefeldzüge, man würde gern mehr hören.

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