Nobelpreisträger ohne Lobby
Warum hören sie nicht zu?

Auf der Tagung der Nobelpreisträger in Lindau sind sich die Wissenschaftler weitgehend einig, wie die Zukunft der Energieversorgung aussehen sollte. Was ihnen fehlt, ist das Gehör der Politiker.

LINDAU. Wie könnten die Energie- und umweltpolitischen Forderungen der Wissenschaft mehr Einfluss in der breiten Öffentlichkeit und Politik gewinnen, fragt ein Student die sechs auf dem Podium versammelten Größen der Naturwissenschaft. Doch auf die Frage des Studenten aus dem Publikum weiß niemand eine Antwort. Eine Stunde debattieren die Nobelpreisträger Roy Glauber, Walter Kohn, Paul Crutzen, Sherwood Rowland und Roald Hoffmann über Energieversorgung und die Klimaveränderung. Sie sind sich weitgehend einig, fossile Energieträger sind begrenzt verfügbar, und ihre Verbrennung ist mitverantwortlich für die enorme Klimaveränderung, die schon begonnen hat und unsere Zukunft bestimmen wird. "Wir müssen die Treibhausgasemission reduzieren, und wir sollten damit anfangen, Energie zu sparen", fordert Crutzen und: "Fossile Energieträger müssen ersetzt werden." Keiner widerspricht, wie sollte man auch. "Die Zeit, etwas zu unternehmen, ist jetzt", fordert Kohn. Auch da widerspricht natürlich niemand.

Die anwesenden 530 Studenten und Doktoranden aus 53 Ländern (ausgewählt unter 11 000 Bewerbern) sollen offensichtlich angespornt werden, sich mit dem vielleicht größten Menschheitsproblem zu befassen, der Energieversorgung und dem damit verbundenen Klimawandel. Denn, wie Paul Crutzen in seinem Vortrag formuliert hatte, "seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts hat durch seine zunehmende Aktivität der Mensch ein neues Erdzeitalter angestoßen, das Anthropocene. Wir haben die Chemie der Atmosphäre sehr empfindlich beeinflusst." Allein, so könnte das Fazit der Diskussion lauten, die politischen Entscheider hören nicht zu.

Die wenigen Vertreter der Politik haben sich gleich nach ihren Eröffnungsreden am Sonntagabend verabschiedet. EU-Wissenschaftskommissar Janez Potocnik forderte ein "attraktives Europa mit aufregenden Forschungsmöglichkeiten", und Bundesforschungsministerin Anette Schavan lobte das Lindauer Treffen als "herausragende Visitenkarte des Forschungs- und Bildungsstandorts Deutschland mit großer Ausstrahlung in die ganze Welt". Und Klaus Kinkel, ehemaliger Bundesaußenminister und heute Vorsitzender der Stiftung der Deutschen Telekom, soll gesagt haben, er wolle jetzt endlich in Ruhe Fußball schauen. Immerhin, vor wenigen Jahren noch verirrte sich kein einziger politischer Würdenträger zum Treffen der Träger des renommiertesten Wissenschaftspreises der Welt. Das Interesse von Politikern an der Wissenschaft scheint offensichtlich begrenzt.

Vom Reha-Projekt zum Nachwuchsforum

Im malerischen Inselstädtchen Lindau im Bodensee treffen sich seit 1951 jährlich Nobelpreisträger und besonders begabte Studenten und Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt. Was anfangs eher als Hilfe zur Wiedereingliederung Deutschlands in die internationale Wissenschaftsgemeinde nach dem Krieg gedacht war, hat sich in den letzten Jahren zu einem internationalen Forum für den naturwissenschaftlichen Nachwuchs entwickelt. Nirgendwo sonst haben die Studenten die Möglichkeit, so intensiv und in entspannter Atmosphäre mit den großen Namen der Wissenschaft zusammenzukommen. Am Montagabend findet traditionell ein Ball statt, der auch die "Icebreaking-Party" genannt wird.

Die einwöchige Veranstaltung wird vom Kuratorium der Lindauer Nobelpreisträger-Treffen unter Leitung von Gräfin Sonja von Bernadotte, einem Mitglied des schwedischen Königshauses, veranstaltet. In diesem Jahr ist Chemie der Schwerpunkt, doch unter den 23 teilnehmenden Preisträgern sind auch einige Physiker wie der aktuelle Nobelpreisträger Theodor Hänsch und Mediziner wie Erwin Neher, Preisträger von 1991.

Die Wissenschaftler, das merkt man in Vorträgen und Podiumsdiskussionen, wollen aber nicht nur ein beschauliches Familientreffen mit Lobreden, Sekt und Schnittchen. Viele betrachten Lindau inzwischen als Bühne für Anliegen, die über spezifische Fragen ihres Faches hinausreichen. Das liegt sicher auch daran, dass die meisten Preisträger unter den Teilnehmern nicht mehr als Forscher aktiv sind und sich daher auch in ihren Vorträgen die Freiheit nehmen, nicht unbedingt über aktuelle eigene Forschungen zu sprechen. Dafür ist Lindau sicher auch nicht der richtige Ort auf Grund der breiten Streuung der Themen.

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