Nobelpreisträger-Tagung zum Thema Physik
Kleine Versuche und große Ergebnisse

Physiker brauchen nicht immer riesige und teure Anlagen, um wichtige Erkenntnisse zu gewinnen. Auf der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau zeigen deutsche Teilnehmer wie's geht.

Ein Nobelpreisträger ist immer im Dienst: Hände schütteln, Ehrungen empfangen, Vorträge halten – selbst dann noch, wenn Normalsterbliche beim Endspiel der Fußball-EM um die Wette johlen dürfen. Und so diskutieren 25 hochdekorierte Wissenschaftler seit Sonntag und noch bis Freitag nicht über Fußball, sondern über die aktuellen Herausforderungen ihres Fachs, in diesem Jahr der Physik. Neues ist in Lindau traditionell Mangelware. Viele der Laureaten sind betagt und blicken in ihren Vorträgen vor allem auf das Geleistete zurück. Doch es gibt Ausnahmen – etwa Klaus von Klitzing vom Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart oder sein Kollege Theodor Hänsch, Preisträger 2005, vom Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching, die beide zwar das Rentenalter erreicht haben, aber noch mitten im Forscherleben stehen.

Die Themen von Hänsch und von Klitzing setzten einen interessanten Kontrapunkt zur aktuellen Wahrnehmung der Physik in der Öffentlichkeit. Die fokussiert sich – angefeuert durch die Medien – vor allem auf den Large Hadron Collider, den rund drei Milliarden Euro teuren Riesenbeschleuniger, der dieses Jahr in Betrieb geht und Protonen mit nie da gewesener Wucht aufeinander prallen lässt, um das Inferno eine Billiardstelsekunde nach dem Urknall nachzustellen und das lange gesuchte mysteriöse Higgs-Teilchen zu finden. Keine Frage: LHC ist das derzeit aufwendigste und faszinierendste Experiment, das die Physiker zu bieten haben. Und so widmete sich der Gesprächskreis „Nobelpreisträger und ihre Erwartungen an den Large Hadron Collider“ am Mittwoch diesem Thema.

Umso wohltuender war, was Hänsch und von Klitzing vortrugen. Weitgehend unbemerkt vom Massenpublikum haben die beiden und weitere Kollegen in aller Welt eine Entwicklung eingeleitet, die man auf Englisch etwas respektlos als „keep it simple and stupid“ bezeichnen könnte. Hänsch präsentierte neue Apparaturen zur Herstellung von Bose-Einstein-Kondensaten, einer seltsamen Form der Materie ganz nahe am absoluten Temperaturnullpunkt bei minus 273,15 Grad Celsius, wo Atome ihre individuellen Eigenschaften verlieren und als ein einziges Quantenobjekt erscheinen.

Wer Bilder von der Apparatur kennt, mit der der deutsche Physiker Wolfgang Ketterle vom Massachusetts Institute of Technology in den USA (Nobelpreis 2001) als einer der Ersten Bose-Einstein-Kondensate erzeugte, wird sich bei Hänschs Vortrag verwundert die Augen gerieben haben. Während Ketterles Apparatur am MIT noch ein Wust aus Vakuum-, Kühl-, Laser- und Elektronikkomponenten war, die einen ganzen Raum füllten, passt Hänschs Apparatur am Max-Planck-Institut für Quantenoptik auf einen Schreibtisch. Das Kondensat wird in einem kleinen Plastikwürfel von einem nur wenige Quadratzentimeter großen Chip erzeugt, der den Atombrei mittels Laser und dünnen Drähten, die magnetische Felder und Mikrowellen erzeugen, in der Schwebe hält. Ein Bose-Einstein-Kondensat für die Hosentasche – laut Hänsch ist ein Kondensat „to go“ kein Hirngespinst mehr.

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