Nobelpreisträger und der Holocaust Die verlorenen hundert Jahre

Mit dem Physiker Rainer Weiss wird am Sonntag ein Wissenschaftler mit dem Nobelpreis geehrt, der dem Holocaust entkam. Wie er flohen zwei Dutzend Preisträger aus Deutschland – Lebensgeschichten von Tragik und Triumph.
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Der in Berlin geborene Physiker war maßgeblich am ersten Nachweis von Gravitationswellen beteiligt. Quelle: dpa
Physik-Nobelpreisträger 2017: Rainer Weiss

Der in Berlin geborene Physiker war maßgeblich am ersten Nachweis von Gravitationswellen beteiligt.

(Foto: dpa)

StockholmIm Radio wird gerade über sein Leben entschieden, aber der sechsjährige Rainer Weiss hat vor allem Augen für die Technik. Es ist der 30. September 1938, ein Hotel in der Slowakei. Die Gäste haben sich um das hölzerne Radio mit den glimmenden Elektronenröhren geschart, darunter viele Juden wie der Vater der Familie Weiss. Die knarzende Stimme spricht von einem Vertrag mit „Herrn Hitler“, dem „German Führer“, in München. Es ist der britische Premierminister Neville Chamberlain, der hier euphorisch über Frieden spricht.

Die Hotelgäste sind da weniger optimistisch. Sie ahnen, was passiert, wenn man Hitler mehr Land gibt. Binnen Stunden leert sich das Hotel, die jüdischen Familien eilen nach Prag, um Visa zu bekommen. Raus, nur raus aus diesem Europa, das immer brauner wird und immer tödlicher.

Unerfüllte Nobelpreis-Träume
Nobelpreis-Verleihung
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Es ist die Krönung jeder wissenschaftlichen Laufbahn, aus der Hand des schwedischen Königs den Nobelpreis in Empfang zu nehmen. Doch damit das passiert, braucht es neben Talent und Wissen auch sehr viel Glück. Denn selbst wenn die Forschungssensation da ist, warten auf dem Weg zu der Auszeichnung noch etliche Stolpersteine. Hier eine Auswahl. (Foto: dpa)

1. Lange Wartezeit
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In der Regel müssen Forscher viele Jahre darauf warten, bis ihre Entdeckung oder Erfindung mit dem Nobelpreis geehrt wird. Dann sind sie oft schon sehr alt. Und wer stirbt, bevor er den Nobelpreis bekommen hat, hat Pech gehabt – da mag die Entdeckung noch so groß sein. Denn ein Toter kann laut Satzung der Nobelstiftung den Preis nicht bekommen.

Dag Hammarskjöld
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Allerdings gibt es eine Ausnahme von dieser Regel: Wer nach Bekanntgabe, aber vor Verleihung des Preises stirbt, bekommt ihn trotzdem. Der wohl bekannteste posthum Geehrte war der damalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, dem 1961 der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde. Hammarskjöld kam drei Monate vor der Verleihungszeremonie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

2. Forscherstreit um die Entdeckung
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Die Entwicklung der Genschere Crispr-Cas9 gilt als Jahrhundertcoup. Um das Wunderwerkzeug, mit dem Erbgut wie mit einem Skalpell verändert werden kann, liefern sich die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier (r.) und Jennifer Doudna auf der einen Seite und der Bioingenieur Feng Zhang auf der anderen Seite bis heute einen erbitterten Patentstreit. Keine guten Aussichten für einen Nobelpreis, denn...

Nobelpreis-Jury
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...ein Gerichtsstreit um eine Erfindung ist zwar kein Ausschlusskriterium für einen Nobelpreis, doch wenn die Forscher selbst sich so uneins sind, kann die Jury kaum entscheiden, wer denn nun die Auszeichnung verdient hat.

3. Wer zuerst kommt...
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Wer hat im Rennen um eine bahnbrechende Entdeckung die Nase vorn? Das Veröffentlichungsdatum einer Studie liefert den Juroren zumindest einen Hinweis. „Man muss die wissenschaftliche Literatur gründlich lesen, um zu sehen, wer über eine Entdeckung wann eine Studie veröffentlicht hat“, sagt Nobeljuror Gunnar Ingelman.

Nobelpreis-Medaille
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Wer sich nicht genug gesputet hat, riskiert, dass der Konkurrent das Rennen macht. Aber Ingelman betont auch: „Wenn nur kurze Zeit zwischen zwei Veröffentlichungen vergangen ist, könnte es sein, dass man das als gleichzeitig ansieht und beide Forscher den Preis bekommen.“

Im Januar 1939 erreicht Familie Weiss New York. Die Faszination für Technik wird Rainer Weiss nie verlassen. In den USA studiert er Elektrotechnik, später spürt er mit anderen Forschern Gravitationswellen nach. Am Sonntag (10. Dezember) erhält der heute 85-Jährige dafür den Nobelpreis für Physik.

Rainer Weiss ist nicht der einzige Mensch, der vor den Nazis floh und im Laufe seines Lebens einen Nobelpreis bekam. Allein aus dem Deutschen Reich emigrierten mehr als 20 Preisträger. Die meisten waren Juden oder galten nach NS-Gesetzen als solche, andere hatten Juden geheiratet.

Zu den Flüchtlingen gehörte auch der Chemiker Gerhard Herzberg, ein Hamburger Jung, der eine Jüdin heiratete und deshalb nach 1933 nicht mehr an der Hochschule lehren durfte. 1935 floh Herzberg mit seiner Frau nach Kanada – 1971 erhielt er den Nobelpreis für Physik. Die höchste kanadische Auszeichnung für Forscher trägt heute seinen Namen.

Den Münchner Arno Penzias setzen seine Eltern 1939 mit seinem Bruder, einem Koffer und einer Tüte Süßigkeiten in der Hand in einen „Kindertransport“ nach England – in der Hoffnung, dass sie selbst nachkommen können. Sie konnten es, anders als rund 175.000 Juden in Deutschland. Penzias ging später in die USA und wurde Physiker. Für seine Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung erhielt er 1978 den Nobelpreis.

Es reichte den Nazis nicht, sich zum Herrn über Leben und Tod zu machen. Sie griffen, wie Thomas Mann schrieb, auch nach der „absoluten Macht, zu bestimmen, was Wahrheit und was Blödsinn ist“. Carl Bosch, selbst Nobelpreisträger (und kein Jude), konfrontierte Hitler im Mai 1933 in der Reichskanzlei mit einem Fakt: Wenn man weiterhin jüdische Wissenschaftler entließe, würde das die deutsche Physik und Chemie um 100 Jahre zurücksetzen. „Dann arbeiten wir eben einmal hundert Jahre ohne Physik und Chemie“, antwortete Hitler zornig.

Nicht nur Wissenschaftler, auch Schriftstellerinnen wie Nelly Sachs aus Berlin entkamen dem Holocaust. Seit 1938 bemühte sich die junge Lyrikerin um ein schwedisches Visum für sich und ihre Mutter. Im Mai 1940 erhält sie am selben Tag zwei Briefe: die lang ersehnten Papiere - und den Befehl, sich zum „Arbeitsdienst“ zu melden. Mit einem der letztmöglichen Flieger gelangt Sachs nach Schweden. 1966 wird sie mit dem Literaturnobelpreis geehrt, als bisher einzige in Deutschland geborene Frau.

Flüchtlinge aus fast ganz Europa
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