Ölbranche
Schatzsuche mit Hammer und Nase

Wenn sie nichts mehr finden, geht das Ölzeitalter endgültig zu Ende: Geologen sind die wichtigsten Mitarbeiter der großen Ölkonzerne. Unterwegs mit den Spürnasen der BASF-Tochter Wintershall in Patagonien.
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GAN GAN. Daniel Boggetti kann den Schatz schon riechen. Der Geologe kraxelt über den Hang eines 70 Meter hohen Hügels, unter ihm erstreckt sich die karge Steppe Patagoniens. Graues Gebüsch und beige Felsen, wohin das Auge auch blickt. Boggetti zückt den Hammer, klopft einen kleinen Brocken aus dem lockeren Gestein und bricht das Stück Tonschiefer mit einem kurzen Schlag entzwei. Rasch hält er sich die dunkle Stelle, die in dem braunen Klumpen schimmert, an seine Nase und schließt die Augen.

Dann senkt Boggetti den Stein und sein grauer Schnäuzer fächert auseinander. Boggetti lächelt: Diesel. Das ist der Beweis: Tief unter der rauen Landschaft liegt Erdöl.

Das sind gute Nachrichten für seinen Arbeitgeber, die BASF-Tochter Wintershall. Für den Ölkonzern hat der 50-jährige Argentinier Boggetti in den vergangenen Jahren einen Trupp von zwölf Geologen angeführt, die im Canadon-Asfalto-Becken fast jeden Stein umgedreht haben. Die Gegend liegt 1500 Kilometer südlich von Buenos Aires, mit 18000 Quadratkilometern ist sie etwa so groß ist wie Sachsen – und nun steht sie kurz davor, Ölförderland zu werden. Daniel Boggetti ist sich sicher: Hier könnten sich Probebohrungen lohnen.

Es wäre wieder ein Erfolg für die Ölbranche. Wieder würde die Sorge etwas kleiner, dass das Öl bald ausgeht und nicht nur eine ganze Branche stirbt, sondern gleich eine ganze Epoche: das Ölzeitalter. Doch Boggettis Suche in Patagonien zeigt auch, dass die Ölkonzerne immer abgelegenere Regionen durchsuchen, um an das schwarze Gold zu gelangen. Das ist nicht nur sehr teuer, die Erfolgsaussichten schwinden auch mehr und mehr. Bohren Boggetti & Co. in der Nähe bekannter Ölfelder, sind sie bei jedem dritten Mal erfolgreich. In Patagonien beträgt die Chance auf einen Treffer höchstens 1:25.

Die Ausbeute der großen Ölfelder sinkt

Geologen wie Daniel Boggetti, die sich aufs Ölschnüffeln verstehen, sind damit die wichtigsten Mitarbeiter für Konzerne wie Wintershall oder deren Konkurrenten wie BP oder Exxon-Mobil. Sie müssen sicherstellen, dass ihre Arbeitgeber auch künftig den wachsenden Energiehunger der Welt stillen können.

Der Verbrauch von Öl und Gas für Autos, Heizungen und Kraftwerke ist durch die Weltwirtschaftskrise zwar zurückgegangen. Doch schon bald dürfte er wieder ansteigen. Am Dienstag hob die Opec ihre monatliche Prognose für den Öl-Bedarf zum zweiten Mal hintereinander spürbar an.

Die Internationale Energieagentur warnt bereits vor einem neuen Versorgungsengpass. Seit Monaten reist IEA-Chefökonom Fatih Birol mit der Botschaft durch die Welt, sich von der gegenwärtigen Lage nicht blenden zu lassen. Sollte sich die Weltwirtschaft zügig erholen, erwartet Birol die nächste Knappheit bereits für 2011.

Auch mittelfristig wird Öl immer knapper. Die Ausbeute der großen Ölfelder im Nahen Osten, in Mexiko, Russland oder der Nordsee sinkt Jahr für Jahr um über fünf Prozent. Um das auszugleichen, müssten in den kommen 20 Jahren neue Felder mit einer Förderung von 45 Millionen Barrel pro Tag erschlossen werden – viermal so viel, wie Saudi-Arabien heute produziert. IEA-Experte Birol fordert deshalb von den Ölkonzernen massive Investitionen in die Suche nach neuen Reserven – auch schwierige Vorkommen wie Tiefseevorkommen oder Teersande müssten erschlossen werden. Das treibt Ölsucher wie Boggetti in extreme Gegenden unseres Planeten: Sie suchen 10 000 Meter unter dem Meer – oder eben in den entlegensten Gegenden wie Patagonien im Süden Argentiniens.

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