Forschung + Innovation
Österreich will „Ansturm“ deutscher Numerus-clausus-Opfer bremsen

Jahrzehnte lang herrschten für junge Österreicher beim Universitätszugang fast paradiesische Zustände. Schüler, die das Matura (Abitur) bestanden, konnten studieren, was immer sie wollten.

dpa WIEN/LUXEMBURG. Jahrzehnte lang herrschten für junge Österreicher beim Universitätszugang fast paradiesische Zustände. Schüler, die das Matura (Abitur) bestanden, konnten studieren, was immer sie wollten.

Aufnahmeprüfungen für kritische Fächer gab es ebenso wenig wie einen Numerus clausus. Der Zustrom ausländischer Studenten, vor allem aus Deutschland, wurde dagegen abgeblockt. Doch das wird sich nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (Eugh) vom Donnerstag gründlich ändern.

Nach dem Spruch der Luxemburger Richter hat die österreichische Zulassungsordnung Studenten aus der EU eindeutig diskriminiert. Sie wurden nämlich nur zugelassen, wenn sie auch die Qualifikation für einen entsprechenden Studienplatz in ihrem Herkunftsland nachweisen konnten. So blieb allein in Deutschland mehr als 60 000 Numerus- clausus-„Opfern“ der Zugang zu den Unis im Nachbarland verwehrt.

Doch die Chancen deutscher Studenten auf einen freien Studienplatz in Wien, Innsbruck, Graz oder Linz sind auch nach dem Urteil des Eugh nicht allzu groß. Denn bereits in den nächsten Tagen dürften die betroffenen Universitäten Maßnahmen beschließen, die ein Chaos in den besonders begehrten Fächern verhindern sollen. Insgesamt stehen in Österreich nur rund 8 400 Plätze für Studienanfänger in den Fächern Medizin, Veterinärmedizin, Psychologie, Zahnmedizin, Biologie und Pharmazie zur Verfügung. Bisher genügte dies, um die Studienwünsche der Einheimischen zu befriedigen.

Nach dem Luxemburger Urteil aber droht - zumindest theoretisch - der Zustrom von etwa 63 000 in Deutschland abgewiesenen Bewerber für diese Fächer. Sollte sich, so warnten Experten, auch nur ein Drittel von ihnen an österreichischen Universitäten anmelden, würde dies zum vollständigen Zusammenbruch des Lehrbetriebs führen. Schon heute sind vor allem in den Fächern Medizin und Pharmazie die Seminare und Labors wegen des freien Zugangs fast hoffnungslos überfüllt. Dennoch lehnt die Regierung die Einführung eines österreichischen Numerus clausus auch nach dem Urteil von Luxemburg weiter ab.

Um dies zu verhindern, soll das Parlament in Wien schon an diesem Freitag eine Reihe von Notmaßnahmen beschließen. Dabei dürfte den Universitäten freigestellt werden, wie sie den Zugang zu den jeweiligen Fächern steuern wollen. So sollen Aufnahmeprüfungen ebenso möglich sein, wie Einstiegssemester für die sieben Fächer, an deren Ende dann mit Hilfe von Tests „ausgesiebt“ wird. Die Zahl der Studienanfänger soll in jedem Fall auf die Durchschnittszahl der vergangenen drei Jahre begrenzt werden.

Dem Urteil der europäischen Richter wäre damit in jedem Fall genüge getan, denn künftig wären von diesen Beschränkungen sowohl Ausländer, als auch Österreichs Studienanfänger betroffen. Und auch ein deutscher Numerus-clausus-Student hätte seine Chance. Dass die Deutschen nun in Scharen in Wien, Innsbruck, Graz oder Linz ihr Glück versuchen werden, bezweifeln Experten. Immerhin hatten sich allerdings schon vor dem Urteil vom Donnerstag allein an der veterinär-medizinischen Fakultät in Wien 1 000 deutsche Interessenten für einen Studienplatz vormerken lassen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%